Ich liebe Stuttgart

Das Schwabenkind

Das Schwabenkind

Wenn ich morgens aus meiner Haustür gehe, riecht die ganze Straße nach frisch gebackenen Brezeln. Für ein richtiges Schwabenkind, das mit der Brezel in der Hand aufgewachsen ist, riecht das nach Heimat und der Bäcker hier macht unangefochten die beste Brezel Stuttgarts. Es mag Menschen geben, die mögen keine Brezeln und es mag ihr gutes Recht sein, denn über Geschmack soll man nicht streiten. Aber vermutlich haben sie diese eine Brezel, deren Duft das gesamte Viertel am Morgen durchströmt, einfach noch nie gegessen. Morgens, warm, direkt auf die Hand – ein Traum.

Der Weg durch das Bohnenviertel

Die warme Brezel in der Hand trabe ich die Lorenzstaffel runter in Richtung Kessel und versuche dabei nicht daran zu denken, dass ich die ganzen Treppen ja später auch wieder hochsteigen muss. Mein Weg führt durch das Bohnenviertel, das alte Häuschen und Hinterhöfe zu bieten hat, in denen sich unzählige kleine Läden, Ateliers und Restaurants angesiedelt haben. Wer nicht recht weiß, wohin mit sich, der wird hier fündig – egal, was es ist, das er eigentlich sucht (ja, das ist zweideutig). Aber es ist zu früh, um schon an Wein zu denken darum drehe ich ab nach rechts, in Richtung Stadtpark.

Das Große Haus

Das wirklich Schöne am Oberen Schlossgarten ist nicht unbedingt der Eckensee, sondern das uralte Gebäude, das hier liegt. Es spielt keine Rolle, zu welcher Tageszeit ich hier vorbeikomme, ob es gießt, schneit oder die Sonne scheint, das Große Haus hat immer etwas Magisches. Wer einmal das Glück hatte, einen Blick hinter die Kulissen in die heiligen Hallen werfen zu können, das Treiben auf den Gängen beobachten durfte, der würde am liebsten sein Lager hier aufschlagen und nie wieder fortgehen. Ich saß schon im Parkett knapp am Orchestergraben, im dritten Rang ganz hinten und in der Königsloge in der ersten Reihe. Ich renne nicht jede Woche ins Ballett oder in die Oper, ich finde auch nicht jede Inszenierung lückenlos fantastisch und bestimmt haben andere Städte ebenso schöne oder sogar schönere Staatstheater. Aber ich habe dennoch in keinem Gebäude der Stadt so traumhafte Abende verbracht, wie in den alten Mauern der Staatsoper.

Am Hans-im-Glück-Brunnen

Vor und nach solchen Abenden lande ich nicht grundlos immer in der gleichen Ecke, beziehungsweise am gleichen Brunnen: am Hans-im-Glück-Brunnen. Hier treibt sich halb Stuttgart herum, darum ist die Wahl nicht unbedingt kreativ. Aber vielleicht macht es das eben aus. Tatsächlich kann man fast den kompletten Tag hier verbringen, vom gepflegten Frühstück im Kottan oder im Deli bis zum letzten – nicht mehr ganz so gepflegten – Drink am nächsten Morgen im Bergamo/Transit oder in der Corso Bar. Im Sommer scheint dazu tagsüber die Sonne auf den Platz und man fühlt sich ein bisschen wie im Süden.

Der Morgen am Teehaus

Morgens um fünf nehme ich von hier aus aber tatsächlich nicht mehr die Treppen, sondern ein Taxi, auch wenn es bis nach Hause eigentlich nur zehn Minuten Fußmarsch sind. Aber ich fahre noch gar nicht nach Hause, sondern knapp dran vorbei weiter bergauf zum Teehaus. Von hier aus sehe ich der Stadt beim Aufwachen zu, bevor ich den Berg bis zur halben Höhe wieder runter trabe. Und knapp unterhalb vom Bopser rieche ich es dann auch schon wieder: frische Laugenbrezeln. (GW)

14.01.2012
(Ausgabe 14. Januar 2012)
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