Das kontrollierte Abenteuer
„Führerschein und Herzblut sind Grundvoraussetzungen für die Rallye. Seltsame Frisuren nicht.“

Mutige Stuttgarter

Das kontrollierte Abenteuer

„Taxi to Baku“ haben sie ihre Homepage genannt. Eine Spazierfahrt mit ortskundigem Fahrer ist es jedoch nicht, was die sechs Stuttgarter Freunde ab dem 30. April 2012 von Oberstaufen im Allgäu ins tausende Kilometer entfernte Aserbaidschan beziehungsweise direkt in den Austragungsort des nächsten Eurovision Song Contests nach Baku, führt.

Teilnahmevoraussetzungen

Während die Teilnehmer des europäischen Sängerkriegs erst am 22. Mai 2012 um den Sieg trällern, heizt ein weltweites Teilnehmerfeld schon einige Tage davor gen Osten, um die originelle Rallye für sich zu entscheiden. Und stärker könnte sich das Wettrennen wirklich nicht von einem erbitterten Autorennen wie Paris-Dakar unterscheiden. Statt hochgerüsteten Geschossen auf vier Rädern darf keines der teilnehmenden Autos mehr als 1.111 Euro kosten und jünger als 20 Jahre sein. Übernachtet werden muss im Auto, im Zelt, im Freien oder bis zu einem Maximalbetrag von elf Euro pro Nacht, Spendenaufrufe der Teilnehmer kommen gemeinnützigen Zwecken zu Gute.

Der Hauptgewinn: Ein Kamel

Und der Spaß bleibt auch nicht auf der Strecke: Kulturell motivierte Missionen bringen den Fahrern landestypische Gepflogenheiten näher, sogar musizieren müssen sie im Verlauf der Fahrt – und zwar die türkische Nummer „Olmaz Olmaz“. Heiter wird das ganz bestimmt. „Etwas zu gewinnen gibt es auch“, verrät Florian Fickel, als wir drei der sechs Stuttgarter Teilnehmer zum Mittagessen treffen. Wie alle Teams fahren sie mit drei Wagen à zwei Insassen. Er grinst. „Und zwar ein Kamel. Das wollen wir natürlich nach Stuttgart holen.“

Was für große Jungs

Ganz ernst meint er das natürlich nicht, außerdem geht es den Herren hinter „Taxi to Baku“ nicht in erster Linie ums Gewinnen. „Diese Rallye ist eben doch etwas anderes als eine gemeinsame Pauschalreise. Man wird jeden Tag neue Sachen erleben und Osteuropa auf eine völlig andere Art und Weise bereisen, weil wir uns ja nur auf Landstraßen bewegen und nur im Auto unterwegs sind. Man könnte es ein kleines, kontrolliertes Abenteuer nennen. Was für große Jungs eben.“

Der Spaß steht im Vordergrund

Ein Gewinner steht dabei bereits im Vorfeld fest: die gute Sache. Kollege Peter Lähr dazu: „Der Spaß steht für uns klar im Vordergrund. Durch den karitativen Hintergrund der Rallye versuchen wir dennoch, das Bestmögliche herauszuschlagen und möglichst viele Sponsoren an Land zu ziehen.“ Das hat man wirkungsvoll getan: Unternehmen wie der Hauptsponsor Junge Mobile aus Weinstadt haben das Spendenkonto der Stuttgarter auf über 13.000 Euro anschwellen lassen. Bei der „Taxi to Baku“- Party im Schlesinger (siehe Extrakasten) soll noch mal ein schöner Betrag dazukommen.

Für die gute Sache

Der Erlös geht dann zu gleichen Teilen an das Kinderhospiz Stuttgart und an den Verein Sinnvoll Helfen, der im eigentlichen Zielland der Rallye, Jordanien, aktiv ist. „Da wir von Baku zum Abschlussfest nach Jordanien weiterreisen, spenden wir somit am Ausgangsort und Ziel der Rallye“, so Lähr. Natürlich den ganzen Spendenbetrag – finanziert wird die Reise nämlich aus eigener Tasche.

6.000 Kilometer

Insgesamt drei Wochen werden sie unterwegs sein – zwei Wochen davon auf der Straße verbringen. Über 6.000 Kilometer liegen vor den sechs vorfreudigen Stuttgartern. Rund 600 Kilometer will man jeden Tag reißen. Vom Startpunkt Oberstaufen führt die Route über Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien und Kroatien, bis man schließlich in Istanbul einen ersten Zwischenstopp der besonderen Art macht. „Das Konzert auf der Galatay- Brücke in Istanbul wird bestimmt ein Erlebnis“, meint Fritz Bauer. „Jedes Team muss hier für gute Zwecke ein Instrument mit nach Aserbaidschan nehmen. Auf der Brücke wird dann gemeinsam ein Lied gespielt. Das wird zwar sicher furchtbar klingen, aber bestimmt riesigen Spaß machen.“

Die Gastfreundschaft im Osten

Hinter Istanbul wird es dann erst so richtig interessant, mutmaßt Peter Lähr: „Je weiter wir nach Osten kommen, desto kurioser oder interessanter wird es wahrscheinlich – mit merkwürdigen Raststätten, an denen sich die Trucker ihr Rührei brutzeln und Anekdoten. Auch die Gastfreundschaft im Osten ist sehr gerühmt, wie uns viele frühere Teilnehmer erzählten.“ Da kann es schon mal vorkommen, dass man spontan zu einer Feier eingeladen wird, bei der der Raki in Strömen fließt. Gut zu wissen, wer für den nächsten Tag als Fahrer eingeteilt ist.

Werkstätten sind rar

Dass es sich bei der Taxi to Baku- Mannschaft ausnahmslos um Männer mit wenig bis gar keinen automechanischen Kenntnissen handelt, scheint ihnen keine allzu großen Sorgenfalten auf die Stirn zu treiben. „Sicher hoffen wir, dass die Autos durchhalten. Östlich von Istanbul könnten Werkstätten rar gesät sein“, sagt Florian Fickel.

Etwas Lokalpatriotismus

Na, immerhin hat man sich für drei Mercedes aus demselben Baujahr entschieden. Etwas Lokalpatriotismus darf schließlich gestattet sein. Peter Lähr schmunzelt: „Auch wenn wir das jetzt fast ein wenig schwäbisch-spießig finden. Immerhin fahren manche Teams mit Trabis, Krankenwägen oder alten Enten.“ Besagte Teams kommen übrigens größtenteils aus Süddeutschland, sogar aus dem Stuttgarter Raum gehen noch einige an den Start.

Internationale Teilnehmer

Zudem sind auch Teilnehmer aus Finnland, den USA, Holland und Japan auf den Meldelisten erschienen. Eine kuriose Rallye wie diese gibt es schließlich nicht überall – zumal am Ziel der Rallye auch der gesamte Fuhrpark für den guten Zweck versteigert wird. Und spätestens, wenn jeder Teilnehmer aus Deutschland ein Metallstück mitbringt, das hier von einem türkischen Gastarbeiter der ersten Generation gebaut wurde und von einem türkischen Künstler zu einem Denkmal der interkulturellen Freundschaft zusammengefügt wird, tritt der völkerverständigende Gedanke überdeutlich in den Vordergrund. Zwischen dem Allgäu und Baku liegt eben auch nur eine Straße. (BS)

Die Taxi to Baku-Party im Schlesinger

Am Samstag, den 03. März 2012 steigt ab 22 Uhr die große „Taxi to Baku“-Party im Schlesinger mitten in Stuttgart. An diesem Abend werden alle Gäste nach Einwilligung fotografiert. Gegen eine Spende nach Wahl wird das entwickelte Foto dann auf eines der drei Autos geklebt und 6.000 Kilometer durch die Weltgeschichte gefahren. Eine originelle Idee, die zudem das Spendenkonto noch ein wenig weiter auffüllen soll. Wäre doch gelacht, wenn die Jungs nicht mit einem völlig zugeklebten Auto gen Baku geschickt werden...

Weitere Informationen:
www.taxitobaku.de

25.02.2012
(Ausgabe 25. Februar 2012)
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