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Spielen in Stuttgart
Kostbarkeiten aus Papier
Von außen wirkt es unscheinbar – doch unter den Räumlichkeiten der Schönbuchschule in Leinfelden-Echterdingen befindet sich das Deutsche Spielkartenmuseum mit Europas größter Spielkartensammlung. Über 20.000 Kartenspiele aller Herrenländer liegen hier fein säuberlich geordnet. Darunter finden sich Spiel-, Lehr-, Tarot- und Wahrsagekarten aus aller Welt. Einen Höhepunkt bildet die asiatisch-indische Spielkartensammlung, die weltweit als die umfassendste und schönste Sammlung gilt. Zählt man alle Karten einzeln, so kommt man auf über 500.000 Objekte.
Die Herrin der Karten
Schatzhüterin und Dame der Karten ist Dr. Annette Köger. Die Museumsleiterin kümmert sich gemeinsam mit ihrem Team um die zahlreichen Karten. Zu ihren Hauptaufgaben gehören das das Sammeln, Bewahren, Erforschen und Ausstellen der Spielkarten. Sämtliche Karten des Museums werden in ihr Sortiment aufgenommen. So erhalten alle neu hinzukommenden Objekte eine Sammlungsnummer und ein Datenblatt mit den wichtigsten Informationen zu Herkunft, Maßen, Zustand und Besonderheiten. Außerdem erforscht die Kunsthistorikern Dr. Annette Köger die Geschichte der Spielkarten, ihrer Spielregeln und Ikonographie.
„Werbung im Taschenformat“
Ein Großteil der Sammlung ruht im Magazin, der andere Teil kann in der Ausstellung bewundert werden. Die darin präsentierten Karten tauscht das Museumsteam regelmäßig aus. So gelangen stets neue Karten aus dem Dunkel der Archivschränke ins Vitrinenlicht. Grundlage für die Wahl der Ausstellungsobjekte bilden meist aktuelle Forschungsergebnisse und andere Ereignisse. Dass Spielkarten nicht ausschließlich Spielinstrumente sind, zeigt die aktuelle Schau „Werbung im Taschenformat“.
Lehren, Wahrsagen, Zaubern und Sammeln
Sie präsentiert die unterschiedlichsten Formen der Werbung auf und mit Spielkarten von ihren Anfängen bis heute. Wie die Ausstellung in einem limitierten Nachdruck der sogenannten „Mathematical Cards“ von Thomas Tuttell aus Großbritannien zeigt, stammt die erste bekannte Werbung auf Spielkarten aus dem Jahre 1701: Der Instrumentenmacher und königliche Hoflieferant Thomas Tuttell warb auf den Spielkarten für seine wissenschaftlichen Instrumente. Darüber hinaus dienen die Karten auch zum Lehren, Wahrsagen, Zaubern und Sammeln.
Zur Hintergrundgeschichte
Die Geschichte des Museums geht bis zum Jahre 1923 zurück, als das Spielkartenmuseum „Skatheimat“ im Altenburger Schloss in Thüringen gegründet wurde. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges umfasste deren Sammlung etwa 6.000 Kartenspiele. Nach dem Krieg wurden die Karten in die ehemalige UdSSR verschleppt. Der nach Westdeutschland übergesiedelte Teil der Mitbegründer der Sammlung, das Spielkartenunternehmen ASS, baute ihre Spielkartensammlung schließlich neu auf. 1982 verkaufte ASS seine Sammlung an die Stadt Leinfelden-Echterdingen und an das Land Baden-Württemberg.
Verbote und Gefahren
Auf diesem Ankauf von Karten basiert die heutige Sammlung des Deutschen Spielkartenmuseums, einem Zweigmuseum des Landesmuseums Württemberg. Das Vergnügen beim Spielen wurde nicht immer gern gesehen. Puritanische Kreise etwa brachten das Kartenspiel noch bis ins 20. Jahrhundert mit dem Teufel in Verbindung. So bezeichneten die Puritaner die Karten als „Gebetbuch des Teufels“, um die Gefahr des Glückspiels und des Nichtstuns zu verdeutlichen. Erste Zeugnisse für ein Kartenspielverbot stammen aus dem 14. Jahrhundert. Das Verbot der Stadt Florenz von 1377 ist zugleich Nachweis für die ersten Belege von Kartenspielen in Europa.
Chinesen spielten schon im 7. Jahrhundert
Erwähnungen von Spielkarten in China im 7. und 8. Jahrhundert belegen, dass die Menschen schon viel früher Kartenspiele spielten. Aus diesen frühen Zeiten sind heute aber keine Kartenspiele mehr erhalten. Die ältesten Spielkarten der Welt sind die des „Stuttgarter Kartenspiels“ (Kunstkammer, Landesmuseum Württemberg). Sie stammen aus den Jahren 1427 bis 1731 und entstanden vermutlich in Basel. Übrigens: Neben Verbote führte man im 16. Jahrhundert sogar Steuern auf Kartenspiele ein. Diese Steuer schaffte Deutschland erst 1981 ab.
Ein beliebtes Spielinstrument
Statistisch gesehen besitzt jede deutsche Familie 9,6 Spiele und die Spielkarte ist das am meisten verbreitete Spielinstrument weltweit. Wer beim Spielen selbst einmal die Spielregeln nicht findet oder diese vergessen hat, findet in der Fachbibliothek des Deutschen Spielkartenmuseums eine Antwort. Sie umfasst neben Fachliteratur auch Spielregeln zu sämtlichen Kartenspielen. Wenn es mitten im Spieleabend besonders schnell gehen muss, hilft die liebevoll gestaltete Website des Museums weiter. Dort findet sich ein tolles Glossar an Spielregeln, Kartenerklärungen und Fachausdrücken. (JB)
Weitere Informationen: www.spielkartenmuseum.de
04.02.2012
(Ausgabe 04. Februar 2012)










