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Stuttgarts Klohäuschen
Nicht nur stille Örtchen
In Stuttgart sind in verschiedensten Reklamesäulen Toiletten integriert.
Auf der Königstraße fallen sie kaum auf: bei den Reklamesäulen mit den grauen Türen deutet nur ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift „Toilette“ deren eigentliche Funktion an. Die Idee zur Toilette in der Reklamesäule hatte zwar schon Erwin Litfass, jedoch fand sein Entwurf vom werbenden Pissoir erst später den Weg in die Fußgängerzonen. Heute sind die öffentlichen Klos fest im Stadtbild integriert und manchmal auch Retter in letzter Not.
Wenn’s schnell gehen muss
Es ist doch immer das Gleiche! Gerade ist man bei einer ausgedehnten Shoppingtour oder kommt vom Clubbing und plötzlich drückt‘s. Kaffee oder Wegbierchen regen die Entwässerung an und füllen die Blase in gefühlten Strömen. Die Herren der Schöpfung finden vielleicht noch ein Plätzchen im Busch, aber der Dame von Welt widerstrebt meist derartige Bekanntschaft mit Flora und Fauna. In solchen Fällen locken die 65 Toiletten im gesamten Stadtgebiet mit einer wohltuenden Erleichterung.Automatischer Komfort
Die Flotte setzt sich aus 40 konventionellen und 25 automatischen WCs zusammen. Die automatischen Toiletten sind häufig als Reklamesäulen „getarnt“ und schlagen in puncto Komfort die heimische Standardversion. Sitze mit integrierter Heizung wärmen im Winter, die Hände trocknet ein Gebläse. Auch die Reinigung beruht auf ausgefeilter Technik. Die automatischen Toiletten säubern sich selbstständig und desinfizieren die Klobrillen nach jedem Besuch. Eine ausgeklügelte Software sorgt dafür, dass sämtliche Gerüche getilgt, der Boden abgespritzt und die Türen automatisch nach 15 Minuten geöffnet werden. Es bleibt also keiner in der Bedürfnisanstalt zurück oder muss in Verschmutzungen seine Notdurft verrichten. Bei den konventionellen WCs sorgt die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) für Hygiene in den Anlagen.WC-Guide für unterwegs
Aber was nützt einem die Sauberkeit, wenn man die Toiletten im entscheidenden Moment nicht findet? Für diesen Fall hat die AWS einen WC-Guide veröffentlicht, der neben Geschichtlichem auch Infos zur Lage der Klos bereithält. Auf über 30 Seiten illustriert der Guide anhand von ausführlichen Karten und Bildern, wo und mit welchem Komfort Männlein und Weiblein im Notfall das nächste stille Örtchen finden. Der Guide ist als Download im Internet oder in gedruckter Form bei Bürgerämtern kostenlos erhältlich. Da beide Varianten in jeder Handtasche oder auf dem Handy Platz finden, ist der WC-Guide im Notfall wirklich eine griffbereite Hilfe.Zum Wohl der Allgemeinheit
So unsexy das Thema auch sein mag: Die Bedeutung der Toiletten ist nicht unerheblich. Ein Blick in die historischen Archive zeigt, dass die kleinen Häuschen einen Meilenstein in der Stadtgeschichte bedeuteten. So nutzten die Großstädter früher die Winkel zwischen den Häusern, wenn Büsche oder Gärten nicht auffindbar waren. Dieser Anblick war unappetitlich, ganz zu schweigen vom Geruch und der Seuchengefahr, die vom Unrat der Stuttgarter ausgingen. Die Stadtverwaltung ergriff deshalb drastische Maßnahmen und verhängte hohe Strafen bei illegalem Entleeren des „Nachtwassers“ auf der Straße. Noch heute gilt in Anlehnung an dieses Gesetz: Wer beim Pinkeln in der Öffentlichkeit – zum Beispiel in der Fußgängerzone – erwischt wird, darf zahlen. Ordnungsamt und Polizei kennen keine Toleranz bei derartigen Vergehen. Und so leisten die Toiletten, die jeder gegen einen kleinen Obolus nützen kann, einen dankeswürdigen Dienst an der Allgemeinheit. Denn dort leeren sich nur die Blasen und nicht noch zusätzlich die Geldbeutel der Pressierten. Die Passanten müssen keine penetranten Gerüche ertragen und die Polizei kann derweil richtige Verbrecher jagen.Klohäuschen wird Szenekneipe
Seit 1920 setzt Stuttgart auf diese Art der Sauberkeit. Am Ostendplatz begann die Geschichte der unscheinbaren Toilettenhäuschen. Dieser historische Ort findet sich aber mittlerweile nur noch auf Fotos, weil das WC im Jahre 2008 Umbaumaßnahmen zum Opfer fiel. Wer aber noch ein bisschen von der nostalgischen Luft vergangener Bedürfnisanstaltsjahre schnuppern möchte, kann dies im Palast der Republik in der Friedrichstraße tun. Dort steht ein historisches Klohäuschen aus dem 19. Jahrhundert, das mittlerweile der Stuttgarter Nachtszene als Kneipe dient. Das stille Örtchen hat seit geraumer Zeit einen überregionalen Ruf als angesagter Szenetreff und sorgt mit erlesenen DJs für die richtige Stimmung in denkmalgeschütztem Gemäuer. Generationenübergreifend sitzt hier der Punk neben dem Banker und erliegt dicht gedrängt bei kühlem Bier und hippen Beats dem skurrilen Charme vergangener Zeiten. Im Sommer tummeln sich die illustren Gäste in Scharen vor dem achteckigen Pavillon auf Stühlen, Bordsteinen und Picknickdecken zum „Schwätzen“ und „Vorglühen“. Für alle, die der herkömmlichen Innenstadtkneipen überdrüssig sind, ist der Palast der Republik deshalb eine willkommene Alternative. (LM)10.12.2011
(Ausgabe 10. Dezember 2011)










