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Wie es sich als Schwuler in Stuttgart lebt
Es geht um Gefühle
In Stuttgart fühlt er sich wohl, die Stadt sei tolerant, sagt Andreas Markovic. (Bild: Stefan Cygon)
In den achtziger Jahren war er es satt, sich zu verstellen. „Ich war zwanzig, als die ersten Fragen meiner Eltern kamen: Junge, wann bringst du endlich deine Freundin mit?“ Als die Lindenstraße 1985 mit Carsten Flöter den ersten Schwulen in die Serie einführte, setzte Andreas Markovic der Geheimnistuerei ein Ende. „Eine Woche vor meinem 21. Geburtstag brachte ich meine Wäsche zu meinen Eltern.“ Im Fernsehen lief die Lindenstraße und das Gespräch der Markovics viel auf Schwule. „Meine Mutter sagte, sie fände Schwule nett. Und sie glaube, der Nachbarsjunge sei auch einer von denen.“ Schließlich fiel der Satz „Ich bin schwul.“ Ein halbes Jahr Funkstille mit den Eltern folgte. „Meine Mutter hat es nicht so gut aufgenommen. Sie erkannte, dass der Stammbaum bei mir endet. Ein schwerer Schlag für sie – sie wäre gerne Oma geworden.“
Steak oder Schnitzel
Erst als Andreas seinen ersten Freund vorstellt, wird das Schwulsein des Sohnes für die Eltern greifbar. „Er war einer von der Sorte, die sich Mütter zum Schwiegersohn wünschen. Er brachte zum ersten Treffen einen riesigen Strauß Tulpen mit und war einfach ein hinreißender Typ.“ Als die Beziehung zerbricht, erkennen die Eltern, dass mehr dahinter steckt als eine reine sexuelle Neigung. „Da erkannten meine Eltern, dass es bei Schwulen genauso um Gefühle geht wie in jeder anderen Beziehung auch.“ Nach der Trennung schöpfte die Mutter jedoch Hoffnung auf „Einsicht“: ob er es sich nicht noch einmal überlegen wolle, mit dem Schwulsein. „Meine Antwort: Das ist nicht wie im Restaurant. Ich habe nicht die Wahl zwischen Steak und Schnitzel. Ich bin schwul und das ist so.“ Das große Thema in den achtziger Jahren geriet auch bald in den Fokus von Andreas Markovic: AIDS. „Ich machte einen AIDS-Test und das Ergebnis war ein klares: unsicher.“ Die Methoden zur Erkennung des HIV waren zur damaligen Zeit noch nicht ausgereift genug, um einen bestimmten Rheuma-Typ vom Virus abzugrenzen. „Drei Monate musste ich warten, bis Klarheit herrschte: HIV-negativ. Drei Monate, in denen ich dachte, ich müsse in den nächsten fünf Jahren sterben.“ Denn in den achtziger Jahren waren die Behandlungsmethoden für AIDS-Patienten noch nicht erfolgversprechend. „Ich habe mich damals eingehend mit dem Thema befasst und erkannt, wie viel ich nicht darüber weiß. Und mein Unwissen ist das Unwissen der anderen, deshalb habe ich mich in der AIDS-Hilfe engagiert.“ Von da an stand Verhütung für ihn im Vordergrund: „Man darf sich nicht darauf verlassen, dass einem nichts passieren wird. Man muss den HIV immer vermuten und präventiv schützen. Als sich der Sohn ehrenamtlich bei der AIDS-Hilfe engagiert, ist die Mutter stolz auf ihn – trägt die rote AIDS-Schleife an der Bluse und verteilt sie weiter an Kollegen.
Den Partner fürs Leben treffen
Doch bevor er sich bei der AIDS-Hilfe engagiert, fasst Andreas Markovic Fuß in einer Welt, die es in den achtziger Jahren offiziell nicht gibt. Zu dieser Zeit ist es nicht leicht, den Partner fürs Leben zu finden. „Meine ersten sexuellen Erfahrungen machte ich mit Klassenkameraden. Das zählte damals noch zum Ausprobieren.“ Dass er schwul ist, fand er schon bald heraus: „Die anderen Jungs sahen sich gerne Damen in Unterwäsche an, ich fand Männer interessanter.“ Er trifft sich in Parks und öffentlichen Toiletten mit anderen Männern. Er lernt andere Treffpunkte kennen: „Ich fand heraus, dass es Lokale gibt, sogar eine Buchhandlung für Schwule und Lesben.“ Schließlich besucht er die erste Diskothek für Schwule. „Damals bin ich rückwärts die Treppe runter gestolpert als mir ein Transvestit entgegen kam.“ Eine neue Welt für Andreas. „Heute weiß ich, dass es zwei Arten von Transvestiten gibt: die, die sich einen Spaß daraus machen und die, die es aus Überzeugung sind.“
Lindenstraße als Vorreiter
Heute sind Schwule keine Randerscheinung mehr. Dazu hat für Andreas Markovic eben auch die Lindenstraße beigetragen. Denn der erste Kuss zwischen zwei Männern wurde 1987 in der Serie ausgestrahlt – „und das nicht auf irgendeinem Schmuddelkanal, sondern im Ersten“. Heute verabredet man sich in den sozialen Netzwerken und trifft sich auf Partys. „Es ist einfacher geworden, seinesgleichen zu finden. Die Grenze verschwimmt mehr und mehr.“ Diese Entwicklung unterstützt auch der Christopher Street Day, den Markovic vor einigen Jahren selbst organisiert hat. „Bis 2001 gab es noch keinen regelmäßigen CSD in Stuttgart – nur den CSD Südwest, der von Stadt zu Stadt tingelte. Mein Ex Manfred holte ihn damals in die Stadt.“ Das diesjährige Motto des CSD „Generation Zukunft – Alle Menschen sind gleich?!“ bedeutet Andreas viel, auch für die eigene Zukunftsplanung. Heirat und Kinder schließt er nicht aus. Wenn man schwul ist, muss man allerdings von gewöhnlichen Pfaden abweichen. „Für eine Adoption bin ich zu alt. Ich kann mir eher vorstellen, ein Kind mit einer lesbischen Freundin zu zeugen.“ Auf rein medizinischem Weg. Andreas Markovic hatte nie Feinde, die ihn aufgrund seiner sexuellen Orientierung verurteilten. „Mir geht es sehr gut, denn ich wohne in einer Großstadt – da ist man offener. Aber ich denke, auf dem Land, irgendwo in einem Kaff, ist es kein Spaß, schwul zu sein.“ Deshalb legt er viele Hoffnungen in die nächste Generation: „Ich wünsche mir, dass Kinder ohne Vorbehalte aufwachsen. Das man sein kann, wer man ist. Der Mensch sollte im Vordergrund stehen, keine überholten Werte und Normen.“ (JUS)
22.07.2011
(Ausgabe 23. Juli 2011)










