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Ich liebe Stuttgart
Ich lebe gern in Stuttgart
Ich könnte es in bester „MFG“-Tradition der Fantastischen Vier versuchen: LKA, Gloria und Hüftengold, Mata Hari, Wittwer, olé, olé. Klingt aber nicht so gut, also versuche ich es anders. Ich mag Stuttgart, weil es genau die richtige Größe hat. Größere Städte faszinieren mich zwar, machen mich aber auch nervös. Und in kleineren fehlt mir meistens etwas.
Urbane Gemütlichkeit
Uns zeichnet diese urbane Gemütlichkeit aus, die ich bislang in keiner anderen Stadt erlebt habe. Von der Oper zur Absturzkneipe des Vertrauens sind es nur wenige Gehminuten. Ich muss keine ewigen Straßenbahnfahrten auf mich nehmen, um mal eben bei Freunden vorbeizuschauen. Und dennoch kann ich shoppen bis zum Umfallen, schaffe nie alle Ausstellungen, die ich sehen will und habe noch immer eine lange Liste an Restaurants, die ich unbedingt noch testen will.
Kleine Marotten
Viele belächeln unsere Stadt, werfen ihr Provinzialität, Spießertum und schwäbische Verbohrtheit vor. Sicher, auch mir „gefällt“ die Facebook-Seite der Kehrwoche (gibt es tatsächlich) bestimmt nicht, außerdem genieße ich diesen kleinen Hauch von Anarchie, wenn ich am Samstag mal ganz bewusst nicht fege. Kleine Marotten gibt es eben in jeder Stadt.
Die Kunstszene
Man muss aber nur mal einen Blick in unsere Kunstszene werfen, muss nur mal grob schätzen, wie viele gute Bands es in dieser Stadt gibt, wie viele selbstständige Kreative fleißig vor sich hinwerkeln und man wird sofort merken, wie viel in Stuttgart wirklich passiert. Ich mag die vielen kleinen Galerien im Westen und Osten und staune bei jeder Langen Nacht der Museen aufs Neue über das kulturelle Angebot im Kessel.
Weniger ist mehr
Dabei benötige ich viel weniger, um ein zufriedener Städter zu sein. Eine Kugel Pistazie vom Old Bridge, der besten Eisdiele der Welt, danach ein frisch gezapftes Bier am Palast der Republik reichen auch. Oder ein Film in den Innenstadt-Kinos, die ich dank der richtigen Mischung aus technischer Überlegenheit und klassischem Kinocharme jederzeit einem seelenlosen Multiplex-Koloss vorziehen würde. Oder eine Joggingrunde durch den wunderschönen Kräherwald. Oder...
Bessere Zeiten
Sicher, unsere Stadt hatte es 2010 und 2011 nicht immer leicht. Lange Zeit war die Stimmung mies und man wurde von Parkschützern wie S21-Befürwortern schon schief angeschaut, wenn man nur einen „Beatles“-Button an der Jacke trug. Könnte ja ein Pro- oder Contra- Anstecker sein. Ich hege jedoch die Hoffnung, dass sich all das 2012 wieder beruhigen wird und wir einfach wieder froh darüber sein können, in einer solch sicheren, stressfreien (die Adventssamstage ausgenommen) und schönen Stadt zu wohnen.
Stuttgart ist schön
Denn das ist noch etwas, was Außenstehende gern übersehen: Stuttgart ist schön. Diese Schönheit sieht man vielleicht nicht, wenn man nur kurz die Königstraße abklappert und sich dann wieder von der S-Bahn schlucken lässt. Stuttgart will entdeckt werden. Und wer schon mal einen Sonnenuntergang auf dem Aussichtspunkt beim Teehaus erlebt hat, wer die altehrwürdige Oper schon mal von innen gesehen hat oder wer nach durchfeierter Nacht an einem sonnigen Sommermorgen auf dem Flohmarkt am Karlsplatz mindestens einmal auf Schnäppchenjagd gegangen ist, kennt die Schönheit dieser Stadt. Missionieren will ich aber nicht. Ich bin froh, dass Stuttgart kein vom Tourismus überrannter Ort ist wie Berlin, wo es zum guten Ton gehört, sich über all die fremden Leute aufzuregen. Selbst schuld. Wir Stuttgarter schweigen und genießen. (BS)
07.01.2012
(Ausgabe 07. Januar 2012)










