Kulturstadt Stuttgart
Sowohl die großen als auch die ganz kleinen Einrichtungen beteiligen sich an KULTUR FÜR ALLE.

Kultur für alle

Kulturstadt Stuttgart

Ob Heavy Metal oder Johann Sebastian Bach, ob große Oper oder kleines Kunstkino. Das alles ist Kultur und prägt das gesellschaftliche Leben. Wer nicht am kulturellen Leben teilnehmen kann, nimmt folglich nicht am gesellschaftlichen Leben teil. Da dies in einer Gesellschaft nicht sein sollte, haben sich vor gut drei Jahren 25 Vertreter aus Stuttgarts Sozial- und Kultureinrichtungen am Runden Tisch der Bürgerstiftung Stuttgart zusammengesetzt und das Konzept für den Verein KULTUR FÜR ALLE ausgearbeitet.

Eine Portion Glück

Das Ergebnis ist die BonusCard + Kultur, die seit dem 1. Januar 2010 gültig ist. „Es hat damals überall in der Stadt gebrodelt“, erinnert sich Julia Schindler, Geschäftsführerin von KULTUR FÜR ALLE. „Mehrere Stellen hatten die Idee, irgendetwas musste passieren.“ Manchmal braucht es außer einer guten Idee noch etwas Glück. „Eine Stuttgarter Bürgerin – mit Liebe zur Kultur – spendete eine Summe, die es letztlich ermöglichte, den Verein KULTUR FÜR ALLE zu gründen und die Idee umzusetzen“, so Schindler. Außerdem standen dem Verein Fördergelder des Landes Baden-Württemberg zur Verfügung.

Kultur steht jedem zu

Als Schirmherr konnte der ehemalige Intendant des Stuttgarter Staatstheaters Hans Tränkle gewonnen werden. Die kulturaffine Dame bleibt bis heute anonym. „Sie ist aber nach wie vor sehr interessiert und engagiert. Sie verfolgt mit regem Interesse, was der Verein bewegt“, fügt Julia Schindler hinzu. Und er bewegt vor allem, dass viele Menschen dennoch in den Genuss von kulturellen Veranstaltungen wie Konzerten, Filmfestivals oder Theater kommen, obwohl sie es sich nicht leisten können.

Vielseitiges Angebot spricht viele Menschen an

Seit der Gründung des Vereins ist die Zahl der beteiligten Kunst- und Kultureinrichtungen von 20 auf über 60 Stück angestiegen. „In Stuttgart haben wir ein großes und vielseitiges Kulturangebot. Von großen Aushängeschildern bis zu den vielen kleinen Einrichtungen ist alles dabei“, erklärt Julia Schindler begeistert. Je breiter der Kulturbegriff, umso mehr Menschen werden angesprochen. Und schließlich ist alles irgendwie Kultur. Kulturveranstaltungen sind Anlässe und Orte der Begegnung und des Austausches. Kultur ist ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Darum sollte davon niemand aus finanziellen Gründen ausgeschlossen sein. „Eine demokratische Gesellschaft besteht aus mündigen, gebildeten Bürgern“, meint Julia Schindler.

Die Leistungen der Karte

Die BonusCard, auch Sozialpass genannt, gibt es bereits seit dem Jahr 2001. Personen, die Arbeitslosengeld II beziehen, außerdem Empfänger von Grundsicherung oder Sozialhilfe, Bezieher von Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und Familien mit fünf oder mehr Kindern erhalten sie automatisch. Der Zusatz „+ Kultur“ ermöglicht neben der Teilhabe am sportlichen und sozialen Leben auch den Zugang zu kulturellen Veranstaltungen.

Freikartenkontingent aus allen Preiskategorien

„Dabei war es uns wichtig, dass nicht einfach Restkarten zur Verfügung gestellt werden“, betont Julia Schindler. Gerade von der Restkartenphilosophie wollten sie weg. Stattdessen stellen die Stuttgarter Einrichtungen ein festes Freikartenkontingent aus allen Preiskategorien zur Verfügung. An der Abendkasse muss die BonusCard + Kultur einfach vorgelegt werden und die Person erhält ihre Karte. In Museen ist es noch einfacher: „Hier muss nur der Sozialpass gezeigt werden und man bekommt freien Eintritt“, so Julia Schindler.

Ein großer Erfolg

Über 65.000 Menschen können in Stuttgart von dem Konzept profitieren. Und die Stuttgarter nutzen ihre Bonus-Card + Kultur, das ergab eine durch die Breuninger Stiftung ermöglichte Studie im vergangenen Jahr. Die Interviews mit Vertretern beteiligter Einrichtungen, Befragungen von Besuchern und die Erhebung der Besuche mit Sozialpass ergaben eine äußerst positive Resonanz. Zum Zeitpunkt der Erhebung hatte KULTUR FÜR ALLE über 3.500 kostenlose Kulturbesuche ermöglicht, die laut der Befragungen sonst nicht realisierbar gewesen wären.

Gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben

Die hohe Bedeutung von Kultur wurde dabei erneut verdeutlicht. „Der Zusammenhang von Bildung, Gesundheit, sozialer Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit heißt, dass alle gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können“, erläutert Julia Schindler. Allein im ersten Jahr spendeten die beteiligten Einrichtungen Karten im Wert von 45.000 Euro. Laut Studie halten es die meisten Einrichtungen für selbstverständlich, sich an dem Verein zu beteiligen.

Finanzierung noch nicht geklärt

Die positiven Rückmeldungen reichen außerdem über die Stadtgrenzen hinaus. „Wir haben Modellcharakter. In anderen Städten wird mittlerweile an ähnlichen Konzepten gearbeitet“, freut sich Julia Schindler. Aktuell steht ein Umbruch an. Denn wie die Finanzierung für das kommende Jahr aussieht, ist noch offen. „Wir stellen uns gerade neu auf“, fügt Schindler hinzu. Infrastruktur und Verwaltung müssen gestemmt werden. Viele Mitglieder helfen dagegen ehrenamtlich. Dass KULTUR FÜR ALLE jedoch eingestellt werden würde, stehe nicht zur Debatte. „Wir machen weiter“, sagt Schindler fest entschlossen. (GW)

21.01.2012
(Ausgabe 21. Januar 2012)
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