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Februar-Kolumne Klaus Birk
Alles super, alles Stuttgart: Alles fließt
Klaus Birk, Kabarettist
Es sind die Valentinstage des wimmerden Wandels. Oettinger brüsselt sich englisch gen Europa. Die Fußball- WM wirft ihre Freuden voraus und Jogi der Löw benennt seine Mannen. Geübte Ägypter gewinnen die Afrikameisterschaft, und Ghana, der Endspielgegner gewöhnt sich schon mal ans Verlieren, in Vorbereitung auf die deutsche WM-Gruppe in Südafrika. Derweil verkloppt der VfB die Borussia aus Dortmund und schickt die Loser zurück in den Vor-Ruhepott. Und oben, am Himmel des Sterns, zieht Schumi seine ersten Kreise im fahrerdeutschen Silberpfeil.
Alles ist in Bewegung. Alles scheint wichtig. Doktor Mappuse ist auf dem Sprung ins Freudenamt und die Kanzlerin macht in Berlin die Westerwelle. Dazu wird mal wieder die Gesundheit reformiert, während die Griechen den geliebten Euro zum Abgrund tragen. Aber die Rettung naht: Athen gibt’s bald bei ebay! Zur Sanierung des Ex-Europameisters kann man günstig die Reste der olympischen Spiele von 2004 ersteigern. Auch das übrige Land wird verhökert, mitsamt den Inseln. Pro Stein gibt's einen Griechen gratis, zum Mitnehmen und Versorgen, dazu noch Gyros und ein Grußwort von Otto Rehagel.
Kaum hat man das hinter sich schon wird das Schweizer Bankgeheimnis auf DVD zum Verkauf angeboten. Doch die Regierung will mit Verrätern keine Geschäfte machen und meint die Verkäufer der DVD damit. Dann wird über Moral und Freundschaft, Spenden und Ehre sinniert. Und „wir sind das Volk“ schauen zu und glauben, wir tanzen im falschen Film. Derweil liegen unversteuerte Deutsch-Milliarden einsam und allein im Dunkel schwarzer Nummernkonten und warten auf ihre Rückkehr ins gemeldete Licht. Bis dahin wird beschwichtigt und abgewiegelt, vertröstet und diplomatisch begründet, bis wir alle das Märchen von den Sterntalern glauben, die ins Land der gekreuzten Teller (siehe: Wilhelm Tell) gefallen sind. Dort verpuppt sich das Geld und flattert bald als freiwilliger SteuerFalter zurück in die blühenden Landschaften unserer geliebten Republik.
Doch kaum keimt die Hoffnung am Horizont, schon insolvenzt sich der Mittelstand leise ins Jenseits und geläuterte Banken pusten neue Blasen in die alte Welt.
Wohin das Auge lacht, überall herrscht hektische Betriebsamkeit und alles ändert sich. Schnell und immer schneller. Nur wir uns nicht. Und wenn zu langsam. Wir sind noch nicht mal mit bereuen fertig, suchen noch die Einsicht ins Wesentliche, da tanzt die Angst schon Tango. Und viele wissen nicht, wie‘s weitergeht. Das wussten sie vorher auch nicht, fühlten sich aber gut dabei. Und jetzt hofft jeder auf bessere Zeiten. Doch Sicherheit, die alte Liebe, geht fremd, löst sich in Luft auf, rauscht gen China und wir sitzen zu Hause und warten sehnsüchtig auf Godot. Pessimisten üben derweil mit Stäbchen zu essen. Optimisten stellen ihr Sofa um, damit Energie besser zum Erfolg fließen kann und Karnevalisten verkleiden sich so lange, bis sie keine Ahnung mehr haben, wer sie früher einmal waren.
Unterdessen nagt sich die Wahrheit ins Gewissen, wird verjagt, gemieden und geleugnet, kehrt wieder und wieder, zwickt und zwackt, beißt sich fest und lässt dann nicht mehr los. Auch die rosa Brillen gehen aus, und ein neuer Blick eröffnet freie Sicht für freie Bürger. Und manche sehen klar: „Wir sitzen alle in einem Boot!“ Und was verkünden stattdessen die blinden Wichtig-Wichte: „Gemeinsam seid ihr stark. Ihr dürft uns ab jetzt rudern!“
Doch wie sagt Pierre der Paddler: „Egal wie viel du ruderst. Alles geht irgendwann den Bach runter. Dafür kommst du zurück ins Meer.“
Und kaum scheint die Sonne, fangen die ersten an zu verduften, steigen nach oben und fliegen mit Wolke Sieben dem nächsten Gipfel entgegen. Oben geblieben ist auf Dauer keiner. Den einen schneit’s, den anderen regnet’s. Und wo einer runterfällt, wächst was Neues. Mal Meer, mal weniger.
06.02.2010
(Ausgabe Februar 2010)











