Kehrwochen-Satzung

Was wäre, wenn... die Kehrwoche als schwäbisches Kuriosum ad acta gelegt würde

2007 ist das Jahr der großen Entscheidung: Der Stuttgarter Gemeinderat streicht „zum Wohle der Bürger“ den entscheidenden Paragraphen der Stuttgarter Kehrwochen-Satzung. Das endgültige Aus für das kollektive Putzritual, dessen Tradition bis ins Mittelalter zurückreicht. Schon im Stuttgarter Stadtrecht von 1492 war klar verankert: Jeder muss seinen Mist alle Wochen hinausführen und seinen Winkel alle vierzehn Tage ausräumen lassen.
 
Warum jetzt diese ersatzlose Streichung? – Die Stuttgarter können es sich nicht erklären. Gerüchte werden laut: Fürchtet die Obrigkeit das konspirative Potential, das bei der gemeinsamen Reinigung des Treppenhauses oder gar bei gruppendynamischen Groß-Putzeten frei wird? Geht von den Kehrblech schwingenden und Staubtuch wedelnden Massen tatsächlich eine Gefahr aus?
 
„Ha noi!“, verneint Helga Bücheler (65) ganz vehement. „Da konnte mer doch so schee schwätza. Immer hat mer jemanden im Haus g’troffa, ich war nie alloi.“ Auch Thomas Berger (33) erinnert sich gerne zurück und schwärmt: „Die Kehrwoche ist einfach ideal, um Kontakte zu knüpfen. Als ich nach Stuttgart zum Studieren kam, kannte ich keinen Menschen. Dann stand plötzlich meine Nachbarin vor der Tür und begrüßte mich mit den charmant-vorwurfsvollen Worten: ‚Sie hend ihr Kehrwoch’ net g’macht!’ Ich wusste sofort: Jetzt gehörst du auch dazu!“  
 
Nun bietet sich ein Bild des Jammers: Klingelschilder bleiben unpoliert, Fußmatten liegen schief vor den Türen, Laub verunziert die Gehsteige und in Treppenhäusern soll schon die ein oder andere Staubmaus gesichtet worden sein. Die Schwaben vermissen es – das samstägliche, übertrieben laute Klappern mit den Putzutensilien, was soviel bedeutet wie: „Achtung, heute kehre ich!“ Viel Kehrwochen-Wissen ging bereits unwiederbringlich verloren: Nicht einmal mehr die einfachsten Schwung- und Schrubbtechniken beherrscht die junge Generation! Putzdefizite, wo man nur hinschaut… Wer kann sich da noch über die Ergebnisse der letzten Pisa-Studie aufregen?
 
Eine Welle der Empörung rollt an. Der Beschluss des Gemeinderats wird eiskalt ignoriert. Die Stuttgarter Rebellen beschließen: „Und wir kehren doch!“ – Echter ziviler Ungehorsam à la Ländle. (PM)

29.02.2008
(Ausgabe Oktober 2007)
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