Schillers Verhältnis zu Stuttgart

Zucht und Gartenhaus

Zucht und Gartenhaus
"Ich habe jetzt meinen Aufenthalt verändert, und zwar in Rücksicht des gesellschaftlichen Umgangs sehr vortheilhaft, weil hier in Stuttgardt gute Köpfe aller Art und Handthierung sich zusammenfinden."
Zucht und Gartenhaus
Skizze von Viktor von Heideloff: "Schiller liest die Räuber im Bopserwald"
Zucht und Gartenhaus
Seine linke Hand zeichnete Friedrich Schiller während seiner Studienzeit an der Stuttgarter Karlsschule. (Bild: DLA Marbach)

Stuttgart verehrt Schiller. Am 8. Mai 1839 enthüllt der 12-jährige Enkel des Dichters auf dem Platz zwischen Alter Kanzlei und Altem Schloss das erste Denkmal Friedrich Schillers. Mit dem Dänen Bertel Thorvaldsen hatte der Stuttgarter Liederkranz den damals bekanntesten Bildhauer in Europa mit dem Standbild beauftragt.
Der Ehrenakt mit Ansprache von Gustav Schwab, einem von Mörike für diesen Anlass verfassten Lied und einer festlichen Beleuchtung des Denkmals mit bengalischem Feuer wird zum großen Fest. Tausende sind gekommen, um Schiller zu feiern.

 

Immer etwas Besonderes
Die Schiller-Gedenkjahre sind in Stuttgart immer etwas Besonderes – 1905 wird ein zweites Denkmal aufgestellt, 1955 hat Thomas Mann hier gesprochen. Und auch 2009 ist die ganze Stadt beteiligt – wie die zahlreichen geplanten Veranstaltungen zeigen.

 

Aus Stuttgart geflohen
Und Friedrich Schiller – wie war sein Verhältnis zu Stuttgart? Immerhin ist er aus Stuttgart geflohen. Die Aufregung eines hohen Staatsbesuchs ausnutzend, im Dunkel mit rostigen Pistolen und schwerem Umhang passiert Friedrich Schiller und sein Freund, der Musiker Andreas Streicher, am 22. September 1782 das Stadttor. Als „Doktor Ritter“ und „Doktor Wolf“ geben sie an, nach Esslingen reisen zu wollen und machen sich dann auf den Weg nach Mannheim – das zur Kurpfalz gehörte und damals Ausland war.


14 Tage im Arrest

Bereits im Januar desselben Jahres war Schillers „Die Räuber“ in Mannheim uraufgeführt worden. Um dabei zu sein, war er ohne die Erlaubnis des Herzogs Carl Eugen nach Mannheim gereist. Die revolutionären Tendenzen des Stückes und die heimliche Reise brachten den Herzog auf und er schickte Schiller für 14 Tage in den Arrest.

Akademie für die Führungselite

Carl Eugen war eine Schlüsselfigur für Schiller und Stuttgart – ein strenger und ungeliebter Übervater. Der Herzog hatte eine Akademie gegründet, um die begabtesten Söhne seines Landes an den Hof zu binden und zur Führungselite heranzubilden. Die guten Leistungen des jungen Friedrich in der Lateinschule verpflichteten ihn für diese Militärakademie. Er selbst wäre lieber zu einem Theologiestudium nach Tübingen gegangen.

 

Schiller studierte Medizin

„Sklavenplantage“ nannte der Dichter Schubart die Karlsschule: Autoritäre Erziehungsmethoden, fehlende Ferien und die Absonderung der Schüler von ihren Familien gehörten zum Konzept. Die Akademie lag seit 1775 direkt hinter dem Neuen Schloss. So war der Herzog selbst fast täglich anwesend, behielt seine Zöglinge genau im Auge und griff persönlich in deren Leben ein: Er veranlasste Schiller von Jura auf Medizin zu wechseln und lehnte am Studienende Schillers Dissertation ab – nicht weil sie schlecht war, sondern weil zurzeit im Militär keine Mediziner gebraucht wurden. Das verlängerte Schillers Schulzeit noch um ein weiteres unfreiwilliges Jahr.

Ein geheimer Dichterclub
Subordination, also Unterordnung nennt Schiller das Grundgesetz der Karlsschule. Doch im Schatten der Herzogswillkür gab es auch andere Erfahrungen für die Schüler: Schiller findet hier Freunde, mit denen er sich austauschen kann, vor allem über philosophische und politische Fragen. Sie gründen einen Dichterclub, der sich im Geheimen treffen und Bücher einschmuggeln muss. In dieser engen Welt beginnt Friedrich Schiller ein Stück über die Freiheit zu schreiben. Die ersten Szenen aus „Die Räuber“ liest er seinen Kameraden vor.

Der Überwachung des Herzogs entkommen
Wer die Zügel so stark spürt, wird über die Stränge schlagen, wenn sie gelockert werden. Genau so ist es dem jungen Medikus Schiller ergangen. Zwar weist ihm der Herzog eine schlechte Stelle in einem berüchtigten Regiment zu und erlaubt ihm nicht in Zivil zu praktizieren. Schiller muss weiterhin die verhasste Uniform tragen. Aber er entkommt der ständigen Überwachung des Herzogs.

Schriftstellerei untersagt
Er bezieht mit einem ehemaligen Mitschüler ein kleines Zimmer zur Untermiete und trifft sich regelmäßig zum Kartenspielen und Trinken in Gasthäusern. Ausschweifungen wurden ihm nachgesagt – doch gleichzeitig arbeitete er auf die Veröffentlichung seines Stückes hin. „Die Räuber“ wird 1781 anonym veröffentlicht und die erste Aufführung 1782 in Mannheim wird zu einem überwältigenden Erfolg – mit negativen Folgen. Der Herzog verbietet Schiller jede weitere nicht-medizinische Schriftstellerei und beendet damit die erste Stuttgart-Episode Friedrich Schillers.

Die zweite Stuttgart-Episode
Die zweite Stuttgart-Episode dauert nur ein kurzes Frühjahr, doch scheinen sich die beengenden Erfahrungen der Jugendjahre hier zu lösen. 1793 beschließt Schiller – längst ein etablierter Dichter und Geschichtsprofessor in Jena – seine Heimat erstmals wieder zu besuchen. Sein Vater ist zu diesem Zeitpunkt 70 Jahre alt, seine Mutter kränklich. Er fürchtet, die beiden nicht mehr wieder zusehen. Dazu war seine Frau Charlotte mit dem ersten Kind schwanger.

Einreise erst nach Zögern
Wieder bestimmt das Verhältnis zum Herzog die Pläne Schillers. Die junge Familie wagt nicht, in die Herrschaftssphäre zu reisen und wartet in Heilbronn auf die Reaktion des Herzogs. Erst nach der inoffiziellen Nachricht aus dem Schloss, Schiller würde ignoriert werden, reist die junge Familie nach Ludwigsburg. „Wünsche mir Glück lieber Körner“, schreibt Friedrich Schiller an seinen Freund Gottfried Körner. „Ein kleiner Sohn ist da; die Mutter ist wohlauf, der Junge groß und stark, und alles ist glücklich abgelaufen. Nicht 6 Tage waren wir hier angelangt, so ging es los.“

Erinnerungen kommen auf
Das Vaterglück bildet einen gelungenen Auftakt für einen Aufenthalt in der Heimat, der zunächst vor allem von Erinnerungen geprägt ist: Schiller trifft alte Gefährten aus der Karlsschulenzeit und tauscht sich mit ihnen aus. Mit diesen Begegnungen taucht auch Belastendes wieder auf. Seinem Jugendfreund Elwert soll er gesagt haben: „Ich hasse Stuttgart, Stuttgart soll mich nicht bei Tag erblicken.“

Der Tod Carl Eugens als Wendepunkt
Der Wendepunkt kommt am 24. Oktober: Carl Eugen stirbt in Hohenheim. Schiller sieht den Leichenzug des Herzogs, der in die Fürstengruft nach Ludwigsburg gebracht wird. Seine Schwester Christophine berichtet zwar von Tränen – aber versöhnliche Gedanken sind in den Briefen und Tagebüchern Schillers nicht zu finden.

Befreiende Wirkung

Doch der Tod des „Herodes“ – wie ihn Schiller nannte – scheint auf den Dichter befreiend gewirkt zu haben. Noch im November besucht er die Karlsschule und diesmal sind wirklich Tränen geflossen, als 400 Schüler von ihren Sitzen springen und ihn hochleben lassen. Im März 1794 zieht Schiller in ein hübsches Gartenhaus, er unternimmt Spaziergänge und Ausflüge in den Bopserwald, in das Gaisburger Schlösschen. Und schmiedet mit seinem neuen Verleger Johann Friedrich Cotta in Untertürkheim Pläne für neue Veröffentlichungen.

Neue Schaffenskraft
Voller Schaffenskraft erklärt er: Wäre der Plan für Wallenstein erst fertig, er würde das Werk noch in Stuttgart in drei Wochen vollenden. Ohne Carl Eugen und wie befreit von den schweren Erinnerungen genießt Schiller seine Zeit in Stuttgart: „Ich habe jetzt meinen Aufenthalt verändert, und zwar in Rücksicht des gesellschaftlichen Umgangs sehr vortheilhaft, weil hier in Stuttgardt gute Köpfe aller Art und Handthierung sich zusammenfinden. Ich kann es mir nicht verzeyhen, daß ich diesen Entschluß nicht früher gefaßt habe; denn selbst in Rücksicht der Finanzen hätte ich nicht viel dabey verloren. Nun werde ich einige Monate angenehm hier zubringen; denn vor Ende Mays werde ich wohl nicht abreisen.“ Tatsächlich kehrt Schiller im Mai 1793 nach Jena von seinem letzten Aufenthalt in der Heimat zurück. (AS)

28.02.2009
(Ausgabe März 2009)


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