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Poetry Slam in Stuttgart
Für Ru(h)m und Ehre
Geschliffene Texte in gemütlicher Atmosphäre.
Vor nicht allzu langer Zeit noch völlig unbekannt, jetzt eine weltweit anerkannte und vor allem populäre Kunstform: Der Siegeszug des Poetry Slam hat selbst Insider und Experten erstaunt. Diese zeitgeistige, moderne, junge Form der Unterhaltung, die noch dazu die Ästhetik der Sprache und die Schönheit der Worte in den Vordergrund stellt, konnte selbst argwöhnische Kritiker davon überzeugen, dass hier etwas ganz Besonderes entstanden ist. Es ist eine völlig eigene Form der Kultur, die endlich auch mal junge Menschen begeistert, mitreißt und sie dazu bringt, sich mit ihrer Muttersprache auseinanderzusetzen.
Hochburg Stuttgart
Denn auf den Mund gefallen darf man in dieser Disziplin nicht sein. Schließlich geht es darum, das Publikum mit eigenen Texten und Gedichten zu begeistern und zum Nachdenken zu bringen. In Stuttgart hat die deutsche Poetry Slam-Szene seit geraumer Zeit eines ihrer Epizentren. Die monatlichen Slams im Keller Klub sind für gewöhnlich ausverkauft, diverse Slam- Meister aus ganz Deutschland waren hier schon auf der Bühne zu Gast.
Einjähriges Jubiläum
Am morgigen Sonntag, den 18. Dezember 2011, feiert man Einjähriges. Sehr zur Freude von Thomas Geyer, der den regen Zuspruch bei dieser Veranstaltung selbst nicht unbedingt erwartet hätte: „Der Poetry Slam im Keller Klub war eigentlich dafür gedacht, unseren anderen Slam in der Rosenau vom Zuschauerandrang zu entlasten, da dort immer schon nach einer halben Stunde ausverkauft war und wir so viele Menschen wieder wegschicken mussten“, blickt er ein Jahr zurück. „Jetzt sind immer beide Slams ausverkauft, worüber ich natürlich auch nicht böse bin. Aber auch unabhängig von der Besucherzahl ist das Fazit uneingeschränkt positiv. Durch die besondere Club-Atmosphäre im Keller und die noch größere Nähe zum Publikum haben wir dort keinen Abklatsch des Rosenau- Slams, sondern einen kompletten Slam mit einem ganz besonderen Reiz und einer wunderbaren Stimmung.“
So beliebt wie nie zuvor
Die schöne Atmosphäre und die überaus enge Interaktion zwischen Künstler und Publikum ruft nicht nur bei den Gästen, sondern auch bei den auftretenden Wortakrobaten Begeisterung hervor. Und die kitzelt nicht selten das extra Quäntchen Engagement und Motivation aus den Kontrahenten heraus. Stetig steigende Zuschauerzahlen, umfangreiche Berichterstattung im Fernsehen und regelrechte Slam-Berühmtheiten sprechen eigentlich eine deutliche Sprache: Poetry Slams sind so beliebt wie nie zuvor. Geyer sieht das ähnlich, bemerkt aber relativierend: „Ich veranstalte seit inzwischen über zehn Jahren Poetry Slams und bekomme seit dieser Zeit regelmäßig zu hören, dass der Slam-Hype wohl bald vorbei sein wird.“ Dennoch ist das ein Bild, das er nicht bestätigen kann: „Trotzdem gehen die Zuschauerzahlen stetig nach oben und ich glaube nicht, dass das Interesse irgendwann wieder deutlich nachlassen wird.“
Unberechenbares Format
Der Slam-Experte erklärt sich das mit der „Unberechenbarkeit des Formats“: So wissen die Besucher aber auch die Veranstalter und der Moderator nie, was sie an einem Abend erwartet. „Da folgt auf den hochprofessionellen Bühnenautor die 16-jährige Schülerin, die zum ersten Mal auf einer Bühne steht und mit zitternden Händen ihr Liebesgedicht vorträgt. Lyriker, Kurzgeschichtenschreiber, Rapper, Kabarettisten, politische Spoken, Wortkünstler und Feierabendliteraten teilen sich eine Bühne. Auf einen lauten, brüllend komischen Text über ein tagesaktuelles Thema kann eine stille Reflexion über den Krebstod eines Familienmitglieds folgen.“
Eine tolle Auswahl an Teilnehmern
Die brandaktuelle Note des Formats macht dabei einen zusätzlichen Reiz aus, der auch beim einjährigen Jubiläum am 17. Dezember 2011 zu erwarten ist: „Wir haben dieses Mal eine besonders tolle Auswahl an Teilnehmern“, gibt Thomas Geyer einen Ausblick. „Darunter mehrere Deutsche Meister und Vize-Meister im Poetry Slam sowie mit Danny Sherard einen Poetry Slam-Weltmeister. Besonders freue ich mich auch auf unseren musikalischen Gast Game Over aus Hamburg, der vor ein paar Monaten bei den baden-württembergischen Slammeisterschaften im Stuttgarter Universum mit seinem Charme und seiner Improvisationskunst das Publikum begeisterte.“
„Slamily“
Die Faszination an dieser Kunstform macht dabei natürlich auch vor Geyer nicht halt. Mit leuchtenden Augen erzählt er, was ihm am meisten an der Slam-Szene gefällt: „Als Veranstalter finde ich den Zusammenhalt der Szene sehr außergewöhnlich. Obwohl die Szene quantitativ und qualitativ in den letzten Jahren förmlich explodiert ist, funktioniert das Ganze immer noch wie ein großer Freundeskreis oder eine Familie – nicht umsonst heißt die Mailing- Liste der Szene „slamily“. Auch wenn viele Slampoeten inzwischen als Buchautoren, Musiker oder Kabarettisten Karriere gemacht haben, begegnen sich alle auf gleicher Augenhöhe, egal ob jemand am Tag zuvor einen großen Fernsehauftritt hatte oder heute zum allerersten Mal auf der Bühne steht.
Als Preis eine Flasche Schnaps
Dazu gehört auch, dass der Wettbewerb fester Bestandteil des Formats Poetry Slam ist, der Wettbewerb aber gleichzeitig nicht ernst genommen wird. Als Preis für den Gewinner gibt es lediglich eine Flasche Schnaps, die zudem in der Regel im Anschluss an den Slam von allen Auftretenden gemeinsam vernichtet wird. Im besten Fall erinnert sich schon eine halbe Stunde später niemand mehr, wer überhaupt gewonnen hat.“ Wenn das keine guten Aussichten sind.
Open Air Poetry Slam
Selbige gibt es auch für das vor der Tür stehende Jahr 2012. Thomas Geyer hat große Pläne für die Poetry Slam-Welt: „Ich habe dieses Jahr im Innenhof des Club Rocker 33 erstmals einen Open Air Poetry Slam veranstaltet, der mit 1.200 Zuschauern und einer ganz besonderen Atmosphäre ein Riesenerfolg und für mich das absolute Highlight meiner Tätigkeit als Veranstalter war. Ich würde das 2012 sehr gerne wiederholen, aber leider wird das Gebäude Anfang des kommenden Jahres abgerissen. Falls also jemand der GOOD NEWS-Leser einen geeigneten Platz in Stuttgart kennt, freue ich mich sehr über einen Hinweis per Email an thomas. geyer@sprechstation.de. (BS)
Weitere Informationen: www.sprechstation.de
17.12.2011
(Ausgabe 17. Dezember 2011)










