Wein aus Stuttgart

Qualität vom Hang

Qualität vom Hang
In Stuttgart wird hauptsächlich Rotwein angebaut.

Der Tag eines Stuttgarter Weinlese-Helfers ist hart. Um 7.45 Uhr geht es in den Weinberg. Mindestens sechs Stunden lang im steilen Hang stehend, werden die reifen Beeren von Hand vom Stock geschnitten, in Bütten auf dem Rücken gesammelt und vom Weinberg getragen. „Bei uns geht es nicht darum, durch Handlese Qualität zu erreichen, sondern wir haben in den Terrassen in und um Stuttgart manchmal keine andere Wahl“, erklärt Gerhard Schmid, Vorstandsvorsitzender der Weingärtner Bad Cannstatt.

Hauptsächlich Rotweinreben
Die Stuttgarter Weinberge sind in ihrer Anlage einzigartig. Ihre Mauerbefestigung geht auf das 10. Jahrhundert zurück, weshalb sie als Kulturdenkmäler geschützt sind. Hauptsächlich Rotweinreben wachsen an den Hängen rund um den Neckar, die sich mit den Esslinger und Fellbacher Weinlagen zur sogenannten „Weinsteige“ zusammenschließen. Stuttgart ist die einzige deutsche Großstadt, in der auch im Stadtzentrum Weinangebaut wird. So liegt zu Füßen der Kriegsbergsreben der Hauptbahnhof. Aber auch in Cannstatt auf der Halde oder in Untertürkheim auf dem Herzogenberg wachsen mit Trollinger und Co. schwäbische Gaumenfreuden. In insgesamt 16 der 23 Stadtbezirke wird auf 423 Hektar Wein produziert. Das sind etwa 2 Prozent der Stadtfläche.

Preisgekrönte Weine und eine frühe Ernte
Ganze fünf Winzergenossenschaften, ein städtisches und zahlreiche private Weingüter produzieren teilweise preisgekrönte Weine und verschönern durch ihre Landschaftspflege und pittoreske Architektur das Stuttgarter Stadtbild. Vor allem die historischen Weingüter in Untertürkheim und Bad Cannstatt schaffen in altehrwürdiger Unterbringung eine reizvolle Atmosphäre, wenn regelmäßig in ihren Kellern regionale Schätze gekostet und verkauft werden. Auch dieses Jahr war das Wetter optimal für die Rebenreifung. „Der goldene Oktober und der ausgeglichene Sommer verschaffen diesem Jahrgang eine ausgezeichnete Traubenqualität. Deshalb konnten wir heuer bereits vier Wochen früher ernten“, freut sich Martin Kurrle, Betriebsleiter des Collegium Wirtemberg. Seine Empfehlung ist in dieser Saison der Spätburgunder. Auch Gerhard Schmid ist zufrieden: „Wir in Bad Cannstatt haben bereits Mitte September mit der Lese begonnen. Das ist ein früher Lesebeginn“, so der Winzer.

Weinbau mit langer Tradition
Die Anfänge des Stuttgarter Weinbaus gehen weit zurück und lassen sich nicht immer rekonstruieren. Experten streiten darüber, wann der leckere Traubensaft zum ersten Mal an den hiesigen Hängen ausgesät wurde. Bereits die Römer sollen das milde Neckartalklima im sonnenverwöhnten Bad Cannstatt für sich entdeckt haben. Eine Legende überliefert aber auch, dass Papst Urban I. – der Schutzpatron der Winzer höchstpersönlich – den Cannstattern die Kunst des Weinbaus ans Herz gelegt habe. Die erste urkundliche Erwähnung stammt von 1108.

Das Weinbaumuseum in Uhlbach
Damals schenkte der Mönch Ulrich dem Kloster Blaubeuren einen Stuttgarter Weinberg. Seither schreiben die Württemberger Winzer – „Wengerter“ genannt – Geschichte. Das Weinbaumuseum im Stadtteil Uhlbach macht diese Chronik auf 850 Quadratmetern greifbar. Seit 1979 wird in der historischen Kelter 2.000 Jahre Weinbaugeschichte lebendig. Ein üppiger Fundus zeigt Exponate aus unterschiedlichen Weinbauepochen. So erwartet den Besucher neben einer seltenen Weinpresse von 1885 auch eine komplette Fässerwerkstatt mit Originalwerkzeug der letzten beiden Jahrhunderte.

Weinliebehaber kommen auf ihre Kosten
Weinliebhaber begleiten in Stuttgart allerhand Veranstaltungen durch das Jahr. Jetzt im Herbst sind auch die traditionellen Besenwirtschaften und Weinstuben geöffnet und laden zu rustikaler schwäbischer Küche und neuem Wein. Freunde von kleinen Weingütern und Zwiebelkuchenfans kommen hier auf ihre Kosten. Zudem bieten die Winzergenossenschaften und Weingüter ganzjährig Weinproben und gelegentlich Sonderveranstaltungen mit kulinarischen Verköstigungen an. Auch Gerhard Schmid testet regelmäßig die Weine seiner Kollegen. „Wenn man immer nur den eigenen Wein trinkt, hat man keinen Vergleich und kann die Qualität nicht mehr einschätzen“, sagt der Bad Cannstatter und fügt hinzu: „Auf schwäbisch: du musch halt schaua, dass de koine Schaiklappa kriegsch.“ (LM)
 
Weitere Informationen:

29.10.2011
(Ausgabe 29. Oktober 2011)
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