Musiker Gregor Meyle im Interview

„Wie im Kino“

„Wie im Kino“
Bescheiden und glücklich: Sänger Gregor Meyle aus Backnang.

GOOD NEWS: Sie sind gebürtiger Backnanger und waren früher oft in Stuttgart unterwegs. Wo hat man Sie angetroffen?
 
Gregor Meyle: Im Jugendhaus am Bahnhof habe ich als Jugendlicher oft Zeit verbracht und Musik gemacht. Danach habe ich als Tontechniker über mehrere Jahre in vielen Clubs gearbeitet und war dadurch lange in der Stuttgarter Live und Party-Szene unterwegs. Ich kann mich noch an das M1, Delilah oder das Unbekannte Tier erinnern. Oder auch die legendären Memory of Oz Partys.
 
GOOD NEWS: In punkto Nachhaltigkeit sind Sie einer der wenigen Casting- Teilnehmer, der bis heute noch musikalisch von sich hören lässt. Was machen Sie anders als die anderen?
 
Gregor Meyle: Ich bin mir relativ sicher, dass ich nicht mehr so intensiv Musik machen würde, wenn ich damals gewonnen hätte. So bleibt die Motivation, weiter zu machen und mein großer Traum ist es, immer wieder auf Tour gehen zu können. Ich bin mit mir im Reinen, die Musik kommt von mir und ich muss mich nicht für etwas verkaufen, was ich nicht bin und nicht will. Sagen wir mal so: Ich habe einen Schlafsack im Auto, ich kann überall, wo man ein Dach über dem Kopf hat, übernachten, ich kann überall Musik machen. Solange man irgendwie die Miete bezahlt kriegt, kann man Musik machen. Der eigentliche Erfolg liegt in der Langfristigkeit und, dass man immer weiter macht. Aber natürlich liegt es auch daran, dass ich meine Songs selbst schreibe und produziere und Leute um mich herum habe, die mich unterstützen und mir den Erfolg gönnen. Manchmal kommen Fans nach der Show zu mir und entschuldigen sich dafür, dass nur 20 Leute beim Konzert waren. Sie gönnen dir viel mehr. Natürlich kommt das mal vor. Aber zum nächsten Konzert erscheinen dann so viele Menschen, dass keiner mehr in den Raum passt.
 
GOOD NEWS: Wie entsteht Ihre Musik?
 
Gregor Meyle: (überlegt) Das ist unterschiedlich. Manchmal spontan unter der Dusche. Vieles kommt auch einfach so beim Autofahren. Ich habe die Melodie meistens im Kopf und überlege mir dann während der Fahrt einen Text. Ich höre deswegen im Auto auch kein Radio, weil ich so voller Musik bin. Ich bin quasi mein eigener MP3-Player. Und dann klampfe ich meistens ein bisschen rum, probiere ein paar Akkorde aus und plötzlich entsteht was. Je länger man das nicht mehr gemacht hat, desto mehr Output hat man. Aber dann muss man verdammt ehrlich zu sich selbst sein und es kommen dabei Sachen raus, die tief unten sitzen. Das Wichtigste ist: In dem Moment, in dem man Songs schreibt, darf man nicht darüber nachdenken, wie das auf andere wirkt, weil jeder sowieso die Musik anders versteht. Es gibt für mich einen Grund, warum es diesen Song gibt und finde es schön, wenn andere auch etwas damit anfangen können. Aber es ist kein Muss. Ich schreibe in erster Linie nur für mich. Jeder Song ist für mich wertvoll und ich werde immer wieder Lust haben, die Nummer zu spielen.
 
GOOD NEWS: In einem Song Ihres aktuellen Albums heißt es „Es kommt zu Dir von alleine oder nie“. Glauben Sie, man muss sich im Leben gar nicht anstrengen, wenn man was erreichen will, weil sowieso alles Bestimmung ist?
 
Gregor Meyle: Man braucht Glück. Ich habe drei Monate bei dieser Castingsendung verbracht und hatte null Erfahrung wie ich damit umgehen soll. Die einzige Entscheidungshilfe war mein Bauch, und da musst du kurzfristige Entscheidungen treffen, die dein Leben komplett verändern können. Du hast zwei Minuten Zeit um zu punkten und in den zwei Minuten entscheidet es sich, ob du ein Leben lang Tontechniker bleibst oder ob du endlich als Musiker arbeiten darfst. Ich hatte die großartige Chance, meine eigenen Songs spielen zu dürfen. Wenn da ein Dieter Bohlen gewesen wäre, der von mir Frank Sinatra hätte hören wollen – auch schön, aber dann wäre ich nicht dabei geblieben. Ich wollte mich nicht zum Kasper machen. Und plötzlich kommst du nach Hause und wirst auf der Straße angequatscht oder du hast eine Polizeikontrolle und die Politesse fragt, ob sie ein Autogramm haben kann, während sie dir einen Strafzettel verpasst. Zuerst kapiert man nicht, was da abgeht. Der Song ist genau in einer Zeit entstanden, als ich zur Ruhe kam und als ich dann endlich realisiert habe, was überhaupt mit mir passiert. Seit ich vier Jahre alt bin, träume ich davon Musik zu machen und Gitarre zu spielen. Heute darf ich jeden Tag Musik machen. Natürlich muss man extrem darauf hinarbeiten, aber man muss gleichzeitig das Glück haben, dass es wirklich passiert.
 
GOOD NEWS: Sie gehen jetzt auf große Deutschland-Tour und kommen auch nach Stuttgart. Ist es für Sie etwas Besonderes, im Ländle zu spielen?
 
Gregor Meyle: Ja, ich kann endlich wieder schwäbisch schwätzen! Die schwäbische Mentalität würde ich ein bisschen mit der der Schweizer vergleichen. In der Schweiz stehst du vorne, und du denkst, du kuckst in eine argentinische Rinderherde – da passiert einfach nix. Du machst dein komplettes Zirkusprogramm, aber es geht keiner mit. Die Leute, die am unlautesten waren, kommen aber danach zu dir an den Merchandising-Stand und kaufen deine CD. Dagegen ist es in Köln so, dass die sofort auf den Tischen tanzen, wenn du nur ein Lied anstimmst – da muss ich nicht viel machen. In Süddeutschland sind die Leute nun mal extrem kritisch, aber wenn sie dich einmal ins Herz geschlossen haben, machen die komplett auf. Der Schwabe braucht einfach ’ne Stunde länger (lacht). Ich bin ja Schwabe, ich darf so etwas sagen.
 
GOOD NEWS: Wie würden Sie ein Gregor Meyle-Konzert beschreiben, für diejenigen, die Sie noch nicht live gesehen haben?
 
Gregor Meyle: Es ist wie ins Kino zu gehen. Du siehst einen schönen Film und denkst jahrelang noch daran. Wenn jeder ein Tränchen verdrückt, aber jeder auch mal herzhaft gelacht hat, dann war’s ein schönes Konzert. Und genau das will ich immer erreichen. Die Leute sollen einen wunderschönen Abend haben. Musikalisch biete ich mit meiner Band sowieso alles, was im Rahmen möglich ist. Wir könnten auch auf einem Country- oder Jazz-Festival auftreten, das würden wir hinkriegen. Für mich ist es wichtig, dass zwischen den Musikern und dem Publikum eine Energie entsteht. Ich habe schon so viel erlebt, z.B. wenn ich was Theatralisches angestimmt habe und jemand plötzlich anfängt wie ein Schlosshund zu weinen, aufsteht und dann einfach aus dem Publikum geht. Oder fröhliche Momente, in denen die Leute laut mitsingen und dich gar nicht mehr rauslassen wollen – dann spiele ich einfach eine halbe Stunde lang Zugaben. Es ist jedes Mal ein einzigartiges Erlebnis und man weiß nie, was passiert. Und es ist live. Wenn irgendwas kaputt geht, dann muss man einfach ohne Strom spielen. Konzerte zu spielen ist die schönste und größte Schule für mich. Wenn ich irgendwann Familie habe, wird es trotzdem immer so sein, dass der Papa dann ein oder zwei Monate auf Tour geht. Erstens geht es gar nicht anders und zweitens ist es eine Sache, die ich machen muss, sonst würde ich es in meinem Leben extrem vermissen.
 
GOOD NEWS: Wie sehen Ihre Pläne nach der Tour aus?
 
Gregor Meyle: Wir sind gerade in der Vorproduktion für ein neues Album, das voraussichtlich im Frühjahr 2012 kommen wird, und mit Sicherheit werden wir im nächsten Jahr wieder einige Konzerte spielen. Dann wird es ein Koch- und Songbuch von mir geben, wo zu jedem Rezept das passende Lied serviert wird. Ich habe so viele Rezepte aus aller Herren Länder gesammelt, das musste ich jetzt einfach mal alles aufschreiben und zusammenbringen. Zudem hat mich das Land Baden-Württemberg gefragt, ob ich gemeinsam mit der SWR Big Band ein Konzert spielen möchte. Da werden auch noch viele andere bekannte Künstler aus Baden-Württemberg dabei sein. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich gefragt wurde. Es gibt also einige Projektideen, mal schauen was letztendlich passiert.
 
GOOD NEWS: Was ist Ihre persönliche, gute Nachricht?
 
Gregor Meyle: Also die gute Nachricht für mich ist, dass alle meine Freunde gesund sind und dass es weiter geht und Musik entstehen wird. Denn ich kann mir nie wirklich sicher sein, ob alles so weiter geht. So eine Tour auf die Beine zu stellen ist schon aufwendig und man ist ja nicht alleine. Zwar ist jedes Konzert wichtig und schön, egal wie viele Leute kommen. Aber wenn am Ende des Tages – auch finanziell gesehen – alle von der Crew entspannt und glücklich sind, dann ist Friede-Freude-Eierkuchen angesagt.
 
GOOD NEWS: Vielen Dank für das freundliche Gespräch und bis bald in Stuttgart. (TS)
 

Weitere Infos:

Gregor Meyle live in Stuttgart
Wann: 22.10.2011
Wo: Club Zentral
Einlass: 19 Uhr
Beginn: 20 Uhr
VVK: 16 Euro zzgl. Gebühren

01.10.2011
(Ausgabe 01. Oktober 2011)
Bookmark bei: Mr. Wong Webnews Bookmark bei: Yigg Bookmark bei: Technorati Bookmark bei: Linkarena Bookmark bei: Google Bookmark bei: Folkd Bookmark bei: Del.icio.us