Guido Buchwald im Interview

Der Weltmeister

Der Weltmeister
Guido Buchwald sieht Deutschland wie vor 20 Jahren ganz vorn. (Bild: Ensinger)

Guido Buchwald hat gut lachen, denn er ist schon Weltmeister. Zum WM-Auftakt spricht der ehemalige Fußballstar über Vorstopper, Fairness und die aktuelle WM.
 
GOOD NEWS: Herr Buchwald, Sie haben den deutschen Nationalspielern, die in diesem Jahr bei der WM in Südafrika antreten, eines voraus: Sie sind bereits Weltmeister. Wie frisch sind Ihre Erinnerungen an Italien 1990?

Guido Buchwald: Obwohl es jetzt schon 20 Jahre her ist, erinnere ich mich noch genau, wie die WM damals abgelaufen ist und wie wir Weltmeister geworden sind. Es sind sehr schöne Erinnerungen, denn Weltmeister wird man nicht alle Jahre. Das ist absolut was Besonderes und das Größte, was ein Fußballer erreichen kann. Die Erinnerungen daran kommen bei mir vor allem in den WM-Jahren wieder hoch.

GOOD NEWS: Sie waren damals bei allen sieben WM-Spielen dabei, im Endspiel wurden Sie zum Helden, weil Sie Diego Maradona keine Chance ließen. Wie würden Sie einem jungen Fußballer die Rolle des Vorstoppers erklären?

Guido Buchwald: Erst mal gibt es ja heute keinen Vorstopper mehr und ich war damals eigentlich auch keiner. Ich habe im Mittelfeld gespielt. Diego Maradona war ja auch kein Stürmer, sondern Mittelfeldspieler.

GOOD NEWS: Den klassischen Vorstopper gibt es heute gar nicht mehr?

Guido Buchwald: Das Wort „Vorstopper“ gibt es nicht mehr, weil sich das System geändert hat. In diesem System kommt es darauf an, dass man den Gegenspieler stört, bevor er den Ball hat, indem man seinen Passweg zumacht. Dafür braucht man ein sehr gutes Raum- Mann-Gefühl. Zudem ist es wichtig, dass man sich genau informiert: Was sind die Eigenschaften des Gegenspielers? Hat er einen starken linken oder rechten Fuß? Nimmt er den Ball kurz entgegen oder möchte er in den Raum angespielt werden? Je mehr man weiß, desto besser. Jeder Spieler hat gewisse Rhythmen und Abläufe, denn unterbewusst macht man viele Dinge oft ähnlich. So kann man sich auch auf einen Gegenspieler einstellen.

GOOD NEWS: Sie haben in 76 Länderspielen nur zweimal die gelbe Karte gesehen. Das macht unterm Strich einen äußerst fairen Verteidiger, oder?

Guido Buchwald: Das würde ich schon sagen. Ich habe nie absichtlich versucht, jemanden zu verletzen oder Foul zu spielen. Mir ging es immer darum, den Ball zu erobern und den nächsten Spielzug einzuleiten. Natürlich passiert es einem als Abwehrspieler immer mal wieder, dass man einen Tick zu spät kommt und eine gelbe Karte bekommt – das wird es immer wieder geben. Im Fußball muss es aber immer die oberste Prämisse sein, den Ball ohne Foul zu erobern.

GOOD NEWS: Sie werden nicht nur von jungen Spielern verehrt, sondern fördern auch den Nachwuchs als Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Jugendfußball. Wie sieht diese Förderung konkret aus?

Guido Buchwald: Als wir die Stiftung Jugendfußball gegründet haben, war der deutsche Fußball nicht so stark, auch die Nachwuchsförderung nicht. Da haben wir gesagt: Wir müssen dem Fußball was zurückgeben! In einer Zeit, in der Kinder viel Zeit vor dem Computer verbringen und gerade auch in der Schule Stress haben, müssen wir sie dazu anregen, einfach raus zu gehen, sich zu bewegen und wieder Fußball zu spielen. Wir wollten, dass es wieder Straßenfußball gibt, dass die Kinder wieder Lust haben, nicht nur theoretisch oder am Bildschirm Fußball zu spielen, sondern auf den Bolzplätzen zu kicken.

GOOD NEWS: Sind Sie selbst nah an dem fußballerischen Nachwuchs dran?

Guido Buchwald: Auf jeden Fall. Wir waren eigentlich immer sehr nah dran. Wenn es Veranstaltungen gab, haben wir persönlich mit den Jugendlichen trainiert, sie angeleitet. Das Wichtigste war für uns, Fußball mit Spaß zu verbinden und die Jungs dafür zu begeistern. Die Kinder haben auf jeden Fall etwas mitgenommen.

GOOD NEWS: Als Sie in die Nationalmannschaft berufen wurden, waren Sie 23 Jahre jung. Heute sind die jüngsten im WM-Kader gerade mal 20. Ist das gut?

Guido Buchwald: Das ist schwer zu beurteilen. Auf einer Seite ist es bestimmt positiv, wenn die jungen Spieler schon die Klasse und die Qualität haben, um Erfahrungen in der Nationalmannschaft sammeln zu können. Auf der anderen Seite sollten Nationalspieler schon ein gewisses Maß an Erfahrung mitbringen. Für mich sollte ein junger Spieler erst mal ein, zwei Jahre Leistungsträger in einer Bundesligamannschaft sein, bevor er in die Nationalmannschaft berufen wird. Zu meiner Zeit war auch der Qualitätsunterschied zwischen jungen und erfahrenen Spielern größer. Es gab Stammspieler, die sozusagen unantastbar waren. Heute gibt es nur noch wenige absolute Top-Stammspieler in der Nationalmannschaft, mit Ausnahme von vielleicht zwei, drei Spielern. Dazu gehört zum Beispiel Michael Ballack, der sich ja leider verletzt hat. Der engere und erweiterte Kreis der Nationalmannschaftskandidaten ist hingegen sehr groß. Für den Bundestrainer ist es daher immer wieder unglaublich schwer, zu entscheiden, auf wen er bauen kann.

GOOD NEWS: Haben Sie zu einigen aktuellen Nationalspielern persönlichen Kontakt?
Guido Buchwald: Ich kenne natürlich die VfB-Spieler gut. Gerade die älteren Nationalspieler wie Michael Ballack kenne ich persönlich. Aber einen engen Kontakt habe ich zu keinem.

GOOD NEWS: Sami Khedira vom VfB ist seit der verletzungsbedingten Absage von Michael Ballack einer der Hoffungsträger im Nationaltrikot. Was kann er aus Ihrer Sicht leisten?

Guido Buchwald: Er könnte zum Shooting-Star der WM werden. Khedira hat eine tolle Saison gespielt und er hat maßgeblichen Anteil daran, dass der VfB so eine tolle Rückrunde abgeliefert hat. Zudem interpretiert er die Rolle der Nummer 6 ähnlich wie Michael Ballack und geht auch immer wieder in die Spitze. Ich kann mir vorstellen, dass er hervorragend mit Bastian Schweinsteiger harmonieren wird. Wenn Sami Khedira topfi t ist, glaube ich, dass er eine sehr gute WM spielen kann.

GOOD NEWS: Zum Schluss natürlich die Frage aller Fragen: Wer wird Weltmeister?

Guido Buchwald: (lacht) Ich sag’ einfach mal Deutschland. Da bin ich optimistisch. Deutschland!

GOOD NEWS: Herr Buchwald, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch. (FF)

Steckbrief:
Name: Guido „Diego“ Ulrich Buchwald
Geburtsjahr/-ort: 24. Januar 1961 in West-Berlin
 
Karrierestationen:
1969 Beginn der Fußballkarriere beim SV Wannweil
1979 Beginn der Profi - Karriere bei den Stuttgarter Kickers (145 Spiele / 18 Tore)
1983 Wechsel zum VfB Stuttgart (325 Spiele / 28 Tore)
1984-94 Nationalmannschaft (76 Spiele / 4 Tore)
1994 Wechsel zu Urawa Red Diamonds nach Japan (127 Spiele / 11 Tore)
1998 Wechsel zum Karlsruher SC (40 Spiele / 3 Tore)
1999 Ende der Profikarriere.
 
Trainerkarriere:
2004-06 Trainer bei Urawa Red Diamonds in Japan
2007-08 Trainer bei Alemania Aachen
 
Erfolge:
1984/1992 Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart
1990 Weltmeister mit der Deutschen Nationalmannschaft
2006 Trainer des Jahres in der japanischen J-League

12.06.2010
(Ausgabe Juni 2010)
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