Interview mit Ilona Liedel

Ehrenamtlich Gutes tun

„Gutes tun tut gut“ steht in großen Lettern an der Wand im Beratungsbüro der Freiwilligenagentur im Europahaus. Von hier aus koordiniert Ilona Liedel ihre Helfer zu den gut 900 verschiedenen Einrichtungen, die in Stuttgart freiwillige Unterstützung brauchen. Und sie weiß: Nach der Abschaffung des Zivildienstes ist unsere Gesellschaft mehr denn je auf die Hilfe ehrenamtlicher Arbeit angewiesen.

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Macht es Sie wütend, wenn sich Menschen nicht für etwas einsetzen?
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Was halten Sie vom Bundesfreiwilligendienst?

GOOD NEWS: Ich will mich sozial engagieren. Wie stell ich das an?

 
Ilona Liedel: Sie haben mehrere Möglichkeiten. In der Freiwilligenbörse im Internet finden Sie nach nur wenigen Klicks verschiedene Angebote für Freiwillige inklusive der Kontaktdaten. Etwa 900 gemeinnützige Organisationen, Vereine oder Initiativen suchen in unserer Internetbörse nach freiwillig Engagierten. Wenn Sie aber überhaupt noch nicht wissen, was Sie gern machen würden, oder Sie möchten besondere Angebote wahrnehmen, dann gehen Sie in die Beratungsstelle der Freiwilligenagentur. Sie kommen zu uns und lassen sich von einem unserer 16 freiwilligen Beratern weiterhelfen.
 
GOOD NEWS: Kann jeder sich sozial engagieren?
 
Ilona Liedel: Das kann man leider so nicht sagen. Es gibt Grenzen. Uns wurden in der Vergangenheit auch Personen empfohlen, die ein soziales Engagement nutzen sollten, um eigene Probleme zu bewältigen. Natürlich gibt es Fälle, für die es Sinn macht, aber wir entscheiden das ganz individuell. Wenn wir merken, dass jemand eigentlich selbst Unterstützung bräuchte, als dass er welche geben könnte, dann vermitteln wir nicht. Die gemeinnützigen Einrichtungen verlassen sich darauf, dass wir ihnen Helfer empfehlen, die sich wirklich sozial engagieren möchten und die es auch voll und ganz können.
 
GOOD NEWS: Sollte ich besondere Fähigkeiten mitbringen, wenn ich mich ehrenamtlich engagieren möchte?
 
Ilona Liedel: Nicht wirklich. Jeder Mensch kann etwas Besonderes, man muss nur herausfinden, was es ist und wie er es am besten nutzen kann. Und das finden wir ja dann hier heraus.
 
GOOD NEWS: Wie viel Zeit sollte ich investieren oder ist mir das selbst überlassen?
 
Ilona Liedel: Das kommt auf Sie an, wie viel Zeit Sie haben und wie viel Zeit Sie investieren möchten. Die Angebote sind ganz unterschiedlich und richten sich nach dem Bedarf.
 
GOOD NEWS: Was bringt soziales Engagement unserer Gesellschaft?
 
Ilona Liedel: Zu diesem Thema könnte man eine Doktorarbeit schreiben. Unsere Gesellschaft würde gar nicht funktionieren, wenn wir keine Menschen hätten, die zupacken, sich freiwillig engagieren. Und gerade jetzt, wo der Zivildienst wegfällt, wird es noch schwieriger werden. Wie werden wir damit in den vielen verschiedenen Bereichen umgehen? In der Altenhilfe, in der Behindertenhilfe? In allen karitativen oder diakonischen Bereichen, die auf freiwillige Hilfe oder auf Zivildienstleistende angewiesen sind. Da wird sich sehr viel verändern. Wir hoffen natürlich, dass sich jetzt viele Menschen dessen bewusst werden und auch bereit sind, ihren Beitrag zu leisten, um unsere Gesellschaft stabiler zu halten.
 
GOOD NEWS:
Wie bringen Sie Jugendliche dazu, sich sozial zu engagieren?
 
Ilona Liedel: Wir veranstalten zum Beispiel im Sommer Jugendfreiwilligentage für Jugendliche ab 14 Jahren. Aus 16 verschiedenen Angeboten können sie eine Engagementmöglichkeit für ein bis drei Tage auswählen. Das heißt, mal reinschnuppern können: Wie fühlt sich so was an? Was hab ich denn davon? Letztes Jahr wurden einige der Jugendlichen anschließend von Regio TV interviewt und die Reaktionen waren wirklich positiv. Ich bekomme aber auch in persönlichen Gesprächen sehr gute Rückmeldungen, die zum Teil auch richtig rührend sind. Jugendliche müssen sich anders als Erwachsene vorher erst einmal orientieren, ihre Stärken und auch Vorlieben definieren. Der eine möchte Kontakt zu anderen Jugendlichen, der andere möchte lieber mit älteren Leuten arbeiten, wieder jemand möchte handwerklich etwas bewegen. Ein anderes Jugendengagement ist „Mitmachen Ehrensache“. Hier versuchen Jugendliche andere Gleichaltrige zu rekrutieren. Außerdem gibt es noch den „Tag der Freiwilligenarbeit“ am 5. Dezember 2011, an dem sich Jugendliche einen ganzen Tag lang sozial engagieren und das Erarbeitete spenden. Wieder andere übernehmen eine Patenschaft, und auch da ist das Angebot groß. Man kann sie kaum alle aufzählen. Jugendliche engagieren sich sehr viel, das darf man nicht unterschätzen. Wenn sie etwas gefunden haben, das ihnen Spaß macht, engagieren sie sich gerne. Daher mein Rat an jeden, der sich freiwillig engagieren möchte: Finde heraus, was dir Spaß macht. Darin bist du gut und du bekommst das zurück, was du gerne hättest. Denn es ist schon so, dass man etwas zurückerhalten möchte.
 
GOOD NEWS: Warum engagieren wir uns ehrenamtlich?
 
Ilona Liedel: Das kann man an sich so nicht sagen. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Motivation. Wir haben im März zum ersten Mal ein eigenes Magazin „W!N“ herausgebracht, das komplett von ehrenamtlichen Helfern gemacht wurde. Texte, Interviews, Gestaltung, Layout, Lektorat – alles wurde von einem 16-köpfi gen Team aus Ehrenamtlichen erstellt. Jeder einzelne hat seine eigene Motivation, alle Helfer kommen aus ganz verschiedenen Berufsfeldern. So entstehen vielseitige Beiträge zu völlig unterschiedlichen Themen. Mit „W!N“ wollen wir diejenigen ansprechen, die glauben, sie hätten eigentlich keine Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Wir wollen damit zeigen, dass es geht. Es gibt wirklich sehr viele Bürger, die in der knappen Zeit, die ihnen neben dem Beruf bleibt, der Gesellschaft etwas zurückgeben, und damit in der Gesellschaft etwas zum Besseren bewegen möchten. Sie wollen einen Beitrag leisten und wer das will, der kann dies auch tun.
 
GOOD NEWS: Welchen Stellenwert hat soziales Engagement in Deutschland?
 
Ilona Liedel: Einen immer wichtigeren. Ich erfahre auch von Kooperationspartnern, dass Unternehmen sich bei zwei gleich gut qualifizierten Bewerbern für denjenigen entscheiden, der sich in seiner Freizeit sozial engagiert. Es sagt etwas über die Person aus, dass sie wacher ist, dass sie sich einsetzt, und dass sie letztlich teamfähiger ist. Arbeitgeber achten immer mehr auf freiwilliges Engagement. Inzwischen machen viele junge Erwachsene soziale Praktika, um ihren Lebenslauf aufzuwerten und beim potenziellen Arbeitgeber ihre Chancen zu verbessern. Das ist zwar ein schmaler Grat, weil die Entscheidung, sich ehrenamtlich zu engagieren, nicht aus einer Eigenmotivation heraus kommt, aber am Ende bringt es trotzdem etwas.
 
GOOD NEWS: In welchen Bereichen ist immer Not am Mann?
 
Ilona Liedel: Das ist schwer zu sagen. Vermutlich in der Altenhilfe. Hier hat sich schon durch die Entwicklung in der Pflegeversicherung viel verändert. Der normale Dienst der Pflegekräfte ist sehr straff getaktet und so bleibt nicht mehr viel Zeit für Dinge, die eben nicht pro Viertelstunde bezahlt werden. Viele Einrichtungen stehen vor der Frage, wie sie damit umgehen. Was können sie unter diesen Bedingungen noch leisten und was nicht? Was ist mit Menschenwürde? Mit würdigem Altern? Das ist schon ein sehr großer Bereich. Viele Einrichtungen haben Schwierigkeiten, ohne das Ehrenamt zurecht zu kommen. Aber natürlich ist auch in vielen anderen Bereichen Not am Mann. Es ist kaum möglich, objektiv einen Bereich zu benennen, der die Hilfe dringlicher bräuchte, als andere. Wir brauchen Helfer die Vorlesen, wir brauchen Helfer im Integrationsbereich ... Es gibt wirklich viel zu tun.
 
GOOD NEWS: Was war Ihre erste ehrenamtliches Tätigkeit?
 
Ilona Liedel: Die hieß damals vermutlich noch gar nicht so. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und schon bevor ich zur Schule ging, habe ich ältere Menschen besucht. Mein Großvater war einer der ältesten Dorfbewohner und mit sehr vielen Leuten befreundet. Ich wusste, dass es älteren Leuten eine Freude macht, wenn sie Besuch bekommen. Also habe ich sie besucht. Später, mit etwa 15 Jahren fing ich dann an, im Nachbarort Jugendliche zu betreuen. Das waren so die ersten Schritte. Aber bei uns im Dorf gehörte es dazu, dass man sich gegenseitig unterstützt. In unserem knapp 400-Seelen-Dorf war Nachbarschaftshilfe wirklich noch das, was man ursprünglich auch darunter verstand. Wenn man so aufwächst, sieht man manche Dinge vielleicht auch anders.
 
GOOD NEWS: Was würden Sie sich für Stuttgart in Sachen soziales Engagement wünschen?
 
Ilona Liedel: Man sollte gute Rahmenbedingungen schaffen. Viele Einrichtungen machen das bereits, viele aber eben noch nicht. Gute Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche erfordern immer gute Strukturen für Hauptamtliche, damit keine Konkurrenz entsteht. Es sollte für Ehrenämter genauso wie für Hauptämter richtige Stellenbeschreibungen geben. Und ich fände es auch schön, wenn sich mehr Männer engagieren würden. Das kommt jedoch immer auf das Angebot und die Stellenbeschreibung an. In den verschiedenen Projekten der Freiwilligenagentur engagieren sich eine Menge Männer, aber in anderen Bereichen fehlen sie leider noch immer. (GK)

06.08.2011
(Ausgabe 06. August 2011)
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