Meine gute Nachricht des Monats

"Eigentlich bin ich selbst eine gute Nachricht!"

Eigentlich bin ich selbst eine gute Nachricht!
(Bild: Helmut Bertl)

Mathias Richling ist einer der bissigsten Polit-Kabarettisten Deutschlands. Am 8. und 22. Dezember präsentiert er sein Programm „E=m·RICHLING²“ in Stuttgart – nur eines der Themen im Gespräch mit GOOD NEWS.
 
 
GOOD NEWS: Herr Richling, schön, dass Sie für uns Zeit haben!
 
Mathias Richling: Ich weiß gar nicht, was Sie mich fragen wollen, denn ob ich gute Nachrichten habe, weiß ich nicht.
 
GOOD NEWS: Das werden wir ja jetzt herausfinden.
 
Mathias Richling: Ich bin ja normalerweise derjenige, der den Finger auf die Unzulänglichkeiten, auf die Unverschämtheiten und Frechheiten dieses Landes legt. Und das sind ja nur schlechte Nachrichten. Allerdings ist die gute Nachricht, dass ich Leute auffordere, mitzudenken. Also eigentlich bin ich als solches eine gute Nachricht!
 
GOOD NEWS: Sie präsentieren gerade ihr Programm in Berlin bei den Wühlmäusen. Gibt es Unterschiede, was den Humor von Berlinern und Stuttgartern angeht?
 
Mathias Richling: Generell kann man das nicht sagen. Wir sind ja in einer so flexiblen Gesellschaft, dass sich alles vermischt. Allerdings kann man schon sagen, dass die Leute in Berlin sehr fix sind im Mitdenken.
 
GOOD NEWS: Mit dem räumlichen Abstand, den Sie jetzt haben – Sie treten ja jetzt schon seit einigen Wochen in Berlin auf: Was lieben Sie an Stuttgart?
 
Mathias Richling: Also, was ist denn das für eine Frage! Ich gehöre ja in Stuttgart sozusagen zum Inventar!
 
GOOD NEWS: Eben!
 
Mathias Richling: Ich denke überhaupt nicht mehr darüber nach, was ich an Stuttgart mag. Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und eigentlich damit auch verwachsen!
 
GOOD NEWS: Es gibt ja genügend Leute, die aus Stuttgart kommen und trotzdem wegziehen.
 
Mathias Richling: Das kann ich nicht verstehen.
 
GOOD NEWS: Haben Sie einen Politiker, den Sie am liebsten parodieren?
 
Mathias Richling: Das ändert sich jeden Tag. Es fällt ja manchmal auch einer weg.
 
GOOD NEWS: Sind Sie sehr traurig drüber, wenn ein Politiker wie Stoiber wegfällt?
 
Mathias Richling: Ich habe jahrelang dafür gearbeitet, dass er geht. Warum sollte ich dann traurig darüber sein?
 
GOOD NEWS: Gibt es Politiker, die sehr schwierig zu parodieren sind?
 
Mathias Richling: Alle diejenigen, die sich so nivelliert haben, weil sie sich einbilden, bei Wahlen damit besser durchzukommen.
 
GOOD NEWS: Also angepasste Politiker?
 
Mathias Richling: Ja, nicht nur inhaltlich angepasst, sondern das stellt man auch in der Form fest. Ein Westerwelle zum Beispiel, oder wer ist denn noch so… (überlegt)
 
GOOD NEWS: Wahrscheinlich die, die uns jetzt nicht einfallen.
 
Mathias Richling: Ja, sehr gut (lacht). Die, die nicht anecken wollen, sind sehr schwer zu parodieren. Wenn sie beim Zuschauer selbst nicht erkennbar sind. Wenn man zum Beispiel Herrn Gabriel sieht, fragt man sich: „Ist er’s überhaupt?“
 
GOOD NEWS: Nun zu ihrem aktuellen Programm. In Anlehnung an Einsteins Relativitätstheorie heißt es „E=m·RICHLING²“. Können Sie beschreiben, was sich hinter dieser Formel verbirgt?
 
Mathias Richling: Naja, ich mache politisches Kabarett und das soll immer aktuell sein. Aber sich nur mit der aktuellen Tagespolitik herumzuschlagen, ist manchmal mühselig und wiederholt sich auch leider oft. Bestimmte Themen, von der Umwelt bis zur Pendlerpauschale zeigen: Es dreht sich eigentlich immer im Kreis. Und wenn Sie ein Programm anschauen, das drei Jahre alt ist, denken Sie „komisch, das ist immer noch hochaktuell“. Darüber hinaus versuche ich mit Günter Verdin, der bei mir die Inszenierung macht und Regie führt, über diesen Tellerrand der Tagespolitik hinauszugehen und Figuren oder Themen anzusprechen und zu spielen, die Allgemeingültigkeit haben. Parodie heißt nicht nur, jemanden bloßzustellen oder zu karikieren, sondern kann auch eine Hommage sein. Es gibt Leute wie Freud oder Einstein, die runde Geburtstage feierten. Ihre Präsenz war bundesweit wieder ganz oben. Und da macht man dann auch schon mal eine allgemein gültigere Nummer. Was mich dazu animierte, war, dass Einsteins Relativitätstheorie vor zwei Jahren 100-jähriges Jubiläum feierte. Und zu diesem Anlass habe ich eine Abhandlung über die politische Relativitätstheorie geschrieben. Sie hat meinem Programm den Namen gegeben.
 
GOOD NEWS: Sie treten mit „E=m·RICHLING²“ am 8. und 22. Dezember in der Liederhalle auf. Was erwartet die Zuschauer?
 
Mathias Richling: Logischerweise geht es um das gesamte Kabinett. Es geht um die Gesundheitsreform, um Ulla Schmidt. Es geht um Steinbrück und warum Schuldenmachen sinnvoller ist als den Etat ausgeglichen zu halten. Es gibt ein Gespräch zwischen Freud und Merkel. In ihrer Gedankenwelt trifft sie Sigmund Freud und lässt sich psychoanalysieren. Und wie schon erklärt, ist der Schluss die Erklärung der Politik über die Physik. Als ich diese Nummer geschrieben habe, habe ich zum ersten Mal selbst die Relativitätstheorie verstanden.
 
GOOD NEWS: Ah, ein Lerneffekt für die Zuschauer!
 
Mathias Richling: Ja, es lohnt sich zu kommen!
 
GOOD NEWS: Verraten Sie uns noch ihre gute Nachricht des Monats?
 
Mathias Richling: Die gute Nachricht des Monats ist natürlich der Lokführer-Streik! Denn dadurch kommen die Leute endlich pünktlich! Wir wissen ja, dass die Bahn immer zu spät kommt. Also, die späten Züge sind jetzt endlich auf dem Zeitpunkt, wo die Züge normalerweise fahren, die sonst immer zu spät gekommen sind.
 
GOOD NEWS: Mathias Richling, vielen Dank für das Gespräch. (VP)

05.03.2008
(Ausgabe November 2007)
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