Franz Kibler im Interview

Mut zur Normalität

Mut zur Normalität
Die Rote Schleife ist weltweit ein Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken.

GOOD NEWS: 30 Jahre sind vergangen, seitdem AIDS offiziell als Krankheit anerkannt wurde. Finden Sie, dass unsere Gesellschaft mittlerweile genügend über dieses Thema aufgeklärt ist?

Franz Kibler: Was die Aufklärung betrifft, leistet Deutschland grundsätzlich eine sehr gute Arbeit und wir können bisher viele Erfolge verzeichnen. Es gibt aber nach wie vor junge Menschen, die diese Krankheit und die dazugehörige Gefahr nicht kennen. Oder es gibt viele Menschen, die sich der Gefahren bewusst sind, aber nicht richtig darauf reagieren. Es ist nun mal ein hoch emotionales, gefürchtetes und empfindliches Thema. Von daher sehe ich weiterhin Bedarf, konstant Präventionsarbeit zu leisten.

GOOD NEWS: Welche Ziele verfolgen Sie mit der AIDS-Hilfe Stuttgart?

Franz Kibler: Wir haben zwei Bereiche: Zum einen die Betroffenenbetreuung und zum anderen die Prävention. Als AIDS in den 80ern zu einem großen Thema wurde, lag der Schwerpunkt unserer Arbeit mehr in der Begleitung und Betreuung von Erkrankten. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. HIV beziehungsweise AIDS hat man heutzutage medizinisch besser im Griff. Wir leisten daher verstärkt Aufklärungsarbeit, bieten Gespräche an, zum Beispiel in Form von einer anonymen Telefon- oder Online- Beratung, kostenlose HIV-Tests und vieles mehr. Wir führen vor allem Präventionsveranstaltungen in Schulen, im Rotlichtmilieu und in der schwulen Szene durch. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die HIV-Aufklärung in den verschiedenen bei uns lebenden Migrantengruppen, welche aufgrund von eventuellen kulturellen, religiösen und sprachlichen Unterschieden maßgeschneidert sein muss.

GOOD NEWS: Beobachten Sie nach wie vor eine Diskriminierung von HIV-Positiven beziehungsweise AIDSErkrankten oder ist die Gesellschaft toleranter geworden?

Franz Kibler: Es ist erheblich besser geworden, dennoch gibt es hier und da immer noch Ausgrenzungen. Daher raten wir jedem Betroffenen, dass er sich gut überlegen soll, wie offen er mit seiner Krankheit umgeht. Natürlich sollte ein Erkrankter immer jemanden haben, mit dem er sich austauschen kann. Aber ob es notwendig ist, jeden einzuweihen, ist fraglich. Man muss sich im Klaren sein, das man damit auch extrem negative Erfahrungen machen kann. Ein typisches Beispiel ist der Arbeitsmarkt. Einige Arbeitgeber fragen sich, ob ein HIVPositiver leistungsfähig genug ist und überlegen aufgrund der möglichen Risiken sehr genau, ob sie jemanden mit einem solchen Krankheitsbild einstellen. Auf der anderen Seite sind wir aber auch für jede Offenheit dankbar. Denn nur mit offenen Worten kann man Menschen mit diesem Thema konfrontieren. Die Krankheit wird dadurch in gewisser Weise „normaler“. Die neue Werbekampagne zum diesjährigen Welt-AIDS-Tag ist ein wunderbares Beispiel dafür. Im Mittelpunkt stehen HIV-positive Menschen, die offen über ihre Erfahrungen mit der HIV-Infektion berichten. Ziel dieser europaweit einzigartigen nationalen Kampagne ist es, Diskriminierung abzubauen und HIV und AIDS innerhalb unserer Gesellschaft zum Thema zu machen.

GOOD NEWS: Wie können Angehörige und Freunde eines Erkrankten am Besten helfen?

Franz Kibler:
Wichtig ist, die Scheu vor diesem Thema zu verlieren. Damit tut man Betroffenen einen großen Gefallen. Wenn man merkt, dass sich der Erkrankte nicht helfen lassen will, sollte man dennoch versuchen, ihn zu motivieren, indem man ihn zum Beispiel auf die Beratungsstellen hinweist. Aber das Beste ist, man verhält sich als Angehöriger so normal wie möglich und ist völlig unbefangen.

GOOD NEWS: Wie sehen Sie die Zukunft der AIDS-Hilfe Stuttgart?

Franz Kibler:
Wir sind insgesamt auf einem guten Weg. In den vergangenen Jahren wurden wir glücklicherweise von finanziellen Kürzungen verschont. Das ist schon mal sehr positiv. Wir sind zudem in der erfreulichen Lage, einen äußerst guten Partner mit der Stadt Stuttgart gefunden zu haben und arbeiten sehr eng mit politischen Verantwortlichen zusammen. Natürlich sind wir nach wie vor froh über jeden, der uns finanziell unterstützen möchte und auch ehrenamtlich zur Seite steht. Bezüglich der Prävention möchten wir in Zukunft noch viel mehr tun und flächendeckend arbeiten. Der Ehrgeiz ist da, noch viel mehr zu erreichen. Von daher sind wir für jede helfende Hand dankbar. Je breiter man getragen wird, umso besser ist die Gruppe.

GOOD NEWS: Am 1.12. 2011 ist Welt-AIDS-Tag. Welche Aktionen sind für Stuttgart geplant?

Franz Kibler: Um 18 Uhr treffen wir uns beim Kunstmuseum auf dem Stuttgarter Schlossplatz zur Bildung einer Solidaritätsschleife. Jeder der möchte ist herzlich dazu eingeladen. Anschließend gehen wir gemeinsam zur Gedenkstätte „Namen und Steine“ an die Staatsoper im Oberen Schlossgarten und gedenken der AIDS-Verstorbenen. Um 20 Uhr findet in der Leonhardskirche ein Ökumenischer Gottesdienst statt. Dazu sind wir auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Verkaufs- und Informationsstand vertreten. Und bereits ab dem 29.11. 2011 gibt es im Stuttgarter Rathaus die Ausstellung „Farbe bekennen“ mit Werken von Betroffenen.

GOOD NEWS: Was ist Ihre persönliche gute Nachricht?

Franz Kibler: Wir begegnen vielen Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit vor dem Abgrund stehen. Aber wir konnten mit unserem Verein bisher immer eine helfende Hand reichen, Betroffene vom Abgrund zurückziehen und auf den richtigen Weg bringen. Das ist ein großartiges Gefühl.

GOOD NEWS: Vielen Dank für das freundliche Gespräch. (TS)
 

19.11.2011
(Ausgabe 19. November 2011)
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