Sonderausstellung Otto Dix

Trau deinen Augen

Trau deinen Augen
(Bild: Katalog)

Wir treffen Otto Dix im ersten Obergeschoss des Kunstmuseums Stuttgart. Dort sitzt er als „Selbstbildnis mit Palette vor rotem Vorhang“. Er spricht nicht viel. Aber das, was er sagt, stammt tatsächlich von ihm.
 
 
GOOD NEWS: Herr Dix, im Kunstmuseum Stuttgart sind Ihre Werke gewissermaßen zu Hause. Jetzt haben Ihre Porträts Gesellschaft bekommen. Wie fühlen Sie sich?
 
Otto Dix: (schweigt)
 
GOOD NEWS: Sie gelten nicht gerade als redseliger Künstler. Erzählen Sie uns etwas über Ihre Bilder.
 
Otto Dix: Meine Bilder brauchen wir nicht zu diskutieren, die sehen wir doch.
 
GOOD NEWS: Das ist richtig. Aber wir würden gerne wissen, warum Sie so viele Porträts gemalt haben und ob Sie als Porträtmaler ein besonderes Händchen hatten?
 
Otto Dix: Man stellt sich den Porträtmaler immer als großen Psychologen und Physiognomiker vor, der sofort in jedem Gesicht die verborgenen Tugenden und Laster ablesen könne und diese dann im Bilde darstelle. Das ist literarisch gedacht, denn der Maler wertet nicht, er schaut. Mein Wahlspruch ist: „Trau deinen Augen.“
 
GOOD NEWS: Schlägt sich dieser Wahlspruch auch in Ihrer Malerei nieder?
 
Otto Dix: Ich bin so ein Realist, wissen Sie, dass ich alles mit eignen Augen sehen muss. Wir wollten die Wirklichkeit ganz nackt, klar sehen, beinahe ohne Kunst.
 
GOOD NEWS: Da kommt die Wirklichkeit aber nicht besonders gut weg …
 
Otto Dix: Ich habe viel gemalt, auch Krieg, auch Alpdruck, auch Scheußliches und Schreckhaftes. Aber auch Schönes, Buntes, Heiteres und Starkes.
 
GOOD NEWS: Sie malen in altmeisterlichem Stil. Gibt es Vorbilder, die Sie in der jetzigen Ausstellung im Kunstmuseum wiedersehen?
 
Otto Dix: Es war mein Ideal, so zu malen wie die Meister der Frührenaissance. Die ganz frühen Porträts sind ja bereits in ganz strengem Stil gemalt. Wenn man so will, geschult an Cranach und an der Frührenaissance.
 
GOOD NEWS: Ihre Porträts sind – mit Verlaub – nicht sehr schmeichelhaft. Haben Sie die die Personen, die Sie porträtierten, wirklich so erlebt?
 
Otto Dix: Wissen Sie, wenn man jemanden porträtiert, soll man ihn möglichst nicht kennen. Nur nicht kennen! Ich will ihn gar nicht kennen, will nur das sehen, was da ist, das Äußere. Sowie man ihn zu lange kennt („Ja, Sie müssen Onkel Soundso besser kennenlernen, er ist doch so ein guter Mensch“ – und nach ähnlich beeinflussenden Darlegungen), ist man irritiert.
 
GOOD NEWS: Das mag schon sein. Wie ist das aber dann beim Selbstporträt? Man sollte ja meinen, dass Sie sich sehr gut kennen.
 
Otto Dix: Meine Selbstbildnisse sind Bekenntnisse eines inneren Zustandes. Immer wieder stelle ich erstaunt fest: Du siehst doch ganz anders aus, als du dich selbst bis jetzt dargestellt hast. Es gibt da keine Objektivität, fortgesetzt erfolgt eine Wandlung; es gibt so viele Seiten eines Menschen. Im Selbstbildnis kann man das am besten studieren.
 
GOOD NEWS: Sie haben ihre Kinder Nelly und Ursus in einer Weise gemalt, die man landläufig nicht gerade niedlich nennen würde. Mögen Sie Kinder?
 
Otto Dix: Ja, Kinder habe ich gern. Ja.
 
GOOD NEWS: Das Kunstmuseum macht ein umfangreiches Kinderprogramm zur aktuellen Ausstellung. Glauben Sie, dass die Kinder vor Ihren Bildern Angst bekommen?
 
Otto Dix: Ich war gar nicht so aus auf die Darstellung des Hässlichen. Ich habe Tatsachen gemalt, die vor Jahren genauso gültig waren wie heute, morgen und immer. Das Leben kann schön und schrecklich sein.
 
GOOD NEWS: Wie kamen Sie überhaupt zur Malerei?
 
Otto Dix: Bei Vetter Fritz Amann, der Kunstmaler war, musste ich manchmal Modell sitzen. Der herrliche Duft der Ölfarben und Lacke, vermischt mit dem Duft des Tabakrauches aus der Pfeife des Vetters, dazu die schönen Farben auf der Palette, weckten schon als kleiner Junge in mir den Wunsch, Maler zu werden.
 
GOOD NEWS: Was ist für Sie ein guter Künstler?
 
Otto Dix: Einer, der den Mut hat, Ja zu sagen.
 
GOOD NEWS: Das ist alles? Ist ein Künstler nicht zu Höherem berufen?
 
Otto Dix: Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie.
 
GOOD NEWS: Herr Dix, wir danken Ihnen, dass Sie sich Zeit für unser Gespräch genommen haben.
 
Otto Dix: Ich habe noch nie so viel geredet. Ich war heute ein Glücksfall. (RC)

05.03.2008
(Ausgabe Dezember 2007)
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