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Capoeira-Meisterschaft in Stuttgart
Capoeira – mehr als Sport
Ausweichen, angreifen – Estácio und Manu in der Capoeira-Roda.
In einen Kreis treten zwei barfüßige, weiß gekleidete Personen. Die „Capoeiristas“ genannten Kampfsportler beginnen das sogenannte „Spiel“, begleitet von Trommelklängen. Den Kreis, abgeleitet aus dem Portugiesischen „Roda“ genannt, bilden andere Capoeiristas und die Musiker. Akrobatisch, ästhetisch und ausdrucksvoll sind die fließenden Bewegungen der Sportler. Durch verschiedene Schrittfolgen, Räder und Kicks bewegen sich die Capoeiristas im Rhythmus der Musik. Dabei gibt Estácio da Silva, erfahrener Capoeira- Trainer und Weltmeister, den Takt an. Mit dem Berimbau, einem hölzernen Musikbogen mit einer Metallsaite und einem Klangkörper, beschleunigt und verlangsamt er die Geschwindigkeit des Kampfes. „Dabei geht es nicht darum, den Gegner zu Boden zu bringen“, erklärt der mehrfache brasilianische Meister. Viel wichtiger seien Rhythmus, Technik und Kreativität.
Ein Tanz-Kampf-Spiel
Capoeira ist mehr als Sport – es ist ein Tanz-Kampf-Spiel, das schon seit fünf Jahrhunderten existiert. Als Freiheitskampf von afrikanischen Sklaven in Brasilien entwickelt, stand Capoeira Anfang des 16. Jahrhunderts für die Verbesserung der Lebensbedingungen unter den portugiesischen Unterdrückern. Da den Sklaven Kampfsport untersagt war, tarnten sie ihr Training als Tanz und fanden darin einen Ausgleich zu ihrem harten Alltag.
Capoeira veränderte sein Leben
Sich von unten nach oben arbeiten, ausweichen und im richtigen Moment zugreifen – das ist der Bewegungsablauf des Capoeira. Und so könnte man auch Estácios Geschichte beschreiben. Der gebürtige Brasilianer war eines von vielen Straßenkindern: „Ich verkaufte Süßigkeiten, putzte Schuhe und kümmerte mich um die Grundstücke anderer Leute. Ich tat, was ich konnte, um zum Unterhalt meiner Familie beizutragen“, berichtet er. Auf den Straßen Goiânias sah er immer wieder Capoeiristas, wurde neugierig und probierte den faszinierenden Kampfsport selbst aus. Der damals Zwölfjährige trainierte von da an täglich und begann schließlich selbst Unterricht zu geben. Sein Eintritt in den Brasilianischen Verein zur Unterstützung und Entwicklung der Kunst Capoeira, die Abkürzung des portugiesischen Namens ist ABADÁ, gab seinem Leben eine neue Richtung – und vor allen Dingen Zukunft.
Die Maxime heißt: keine Ausgrenzung
Estácio konnte durch Capoeira erstmals Selbstbewusstsein tanken. Denn die ABADÁ bietet Chancen, lehrt Selbstvertrauen und Toleranz. Da Capoeira auch Offenheit anderen gegenüber bedeutet, spielen in der Roda weltweit Jung und Alt, Reich und Arm, Klein und Groß, Schwarz und Weiß, Mann und Frau mit. Die Maxime heißt: keine Ausgrenzung. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass in Estácios Trainingsstunden in Stuttgart, Esslingen, Heilbronn und Waiblingen die unterschiedlichsten Menschen miteinander üben und spielen. So klatscht eine ältere Dame eine schwangere Frau ab und los geht’s – Vamos!
Sprachkurs inklusive
Estácios Kurs ist zugleich ein kleiner Sprachkurs in Portugiesisch. Die Ansagen im Training sind in seiner Muttersprache, da das Vermitteln von Kultur ebenfalls zu seiner Aufgabe als Capoeira-Trainer gehört. Zudem geht er auf jeden einzelnen ein: „Ich kenne jede Stärke und Schwäche meiner Schüler. Und ich möchte sie so trainieren, dass sie individuelle Fortschritte machen und diese bei jedem neuen Spiel spüren“, erklärt Estácio. Und er ist sich sicher: „Capoeira war mein Schicksal.“ Dank der Unterstützung seines Meisters erhielt er als einer der Besten 2006 die Möglichkeit, im Rahmen der international aktiven ABADÁ an einer Capoeira-Tournee in Irland und Tschechien teilzunehmen. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Ein Jahr später vertrat er einen Trainerkollegen in Deutschland, entschied zu bleiben und heiratete: „Wir kannten uns schon vorher, von den Veranstaltungen der ABADÁ“, erzählt seine Frau Manu, die ebenfalls in Estácios Stunden mittrainiert und wenn nötig auch mal als Übersetzerin einspringt. Doch Portugiesisch ist und bleibt ein fester Bestandteil der Capoeira.
Künstlernamen
Denn typisch sind auch die portugiesischen Künstlernamen der Capoeiristas, welche auf die erforderliche Anonymität der Sklaven zurückgehen. Heute stehen diese Namen für die Tradition und unterstützen das Konzept der Gleichstellung innerhalb der Gruppe. „Wir tauschen uns mit anderen Mitgliedern der ABADÁ regelmäßig aus. Dies ist wichtig, um unsere Stile und Techniken zu verfeinern oder neu zu entdecken. Die meisten kenne ich seit Jahren – doch nur unter ihrem Künstlernamen“, sagt Estácio und lacht.
Ein Hauch Brasilien in Stuttgart
Der Titelträger ist locker, hat immer ein lobendes Wort und ein Lächeln für seine Schüler. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, der kann dies vom 28. bis 30. Oktober 2011 bei der Deutschen Capoeira Meisterschaft in Stuttgart tun. Rund 100 Teilnehmer waren bereits vor zwei Jahren mit dabei. Beim großen Finale am Sonntag, den 30. Oktober 2011, um 15 Uhr in der Sporthalle Stuttgart Süd, rechnen Estácio und Manu mit rund 300 Besuchern. Dann heißt es mitklatschen und zum Rhythmus der Trommeln mitbewegen, wenn sich die Besten der Besten auf das Spiel konzentrieren und sich die Atmosphäre mit einem Hauch Brasilien füllt. (KR)
Weitere Informationen: www.abada-capoeira.eu
22.10.2011
(Ausgabe 22. Oktober 2011)










