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Kali: Die exotische Kampfkunst gibt's auch in Stuttgart
Ein Hauch Philippinen in Stuttgart
Uli Weidle, Trainer und Leiter der Schule.
Die beiden Männer stehen sich gegenüber, die Rechte fest um einen Stock geschlossen. Plötzlich schnellt die Hand des einen nach vorne, zielt auf die Brust seines Gegners, genau dort wo das Herz liegt. Doch der andere reagiert: Reflexartig führt sein Arm eine leicht kreisende Seitwärtsbewegung aus, drückt die Hand des Angreifers zur Seite und lässt den Stock ins Leere stoßen. Nun tauschen sie die Rollen: Der Verteidiger geht zum Angriff über, wieder ein Stoß zur Brust – wieder eine kreisende Abwehrbewegung der Arme. Der Mann, der neben den beiden auf der Matte steht, nickt kurz und geht weiter zum nächsten Paar. Er ist zufrieden mit seinen Schülern.
Meister der Kampfkunst Der Mann neben der Matte ist Uli Weidle, und würde er einem auf der Straße begegnen, man könnte ihn für einen gewöhnlichen Spaziergänger halten. Groß, schlank und sportlich, mit einem zurückhaltenden Lächeln und stoppeligem Dreitagebart. Rein äußerlich sieht man Uli Weidle nicht an, dass man es mit einem der höchsten Meister einer der effektivsten Kampfkünste der Welt zu tun hat: dem Pekiti-Tirsia Kali. {#fotostrecke#}
Meister der Kampfkunst Der Mann neben der Matte ist Uli Weidle, und würde er einem auf der Straße begegnen, man könnte ihn für einen gewöhnlichen Spaziergänger halten. Groß, schlank und sportlich, mit einem zurückhaltenden Lächeln und stoppeligem Dreitagebart. Rein äußerlich sieht man Uli Weidle nicht an, dass man es mit einem der höchsten Meister einer der effektivsten Kampfkünste der Welt zu tun hat: dem Pekiti-Tirsia Kali. {#fotostrecke#}
Dank von den Spezialeinheiten
Wer hierzulande an Kampfkunst denkt, dem werden in der Regel durch Film und Fernsehen bekannte Stile einfallen wie Karate, Judo oder eine der unzähligen Richtungen des Kung-Fu. Kali und die ihm verwandten Künste fristen in der Tat noch ein Nischendasein. Doch Trainer wie Uli Weidle engagieren sich dafür, dass immer mehr Menschen mit der fernöstlichen Art zu kämpfen, in Berührung kommen – seit diesem Sommer auch in Stuttgart. Nachdem etliche Mitglieder der Gruppe um Uli Weidle jahrelang für das Training den Weg von Stuttgart nach Reutlingen zurücklegen mussten, ist es ihnen nun gelungen, in der Turnhalle des Theaterhauses eine zweite Heimat zu finden. Zum ersten Mal besteht in Stuttgart eine Trainingsmöglichkeit für Kali in Stuttgart und mit Uli Weidle wird sie vom höchstgraduierten Meister dieses Stils in ganz Europa geleitet. Wer hier das Kämpfen lernt, der kann von sich sagen, dass er denselben Lehrer hatte wie etliche militärische Spezialeinheiten, darunter die österreichischen Special Operation Forces. Die waren von Weidles Leistung als Trainer so begeistert, dass heute eine Dankesplakette an der Wand seiner Trainingshalle hängt.
Stöcke und Messer
Doch was genau steckt hinter der Kampfkunst mit dem schier unaussprechlichen Namen? Ihren Ursprung hat das Kali nicht – wie viele in Deutschland verbreitete Kampfkünste – in China oder Japan, sondern auf den Philippinen. Als der Inselstaat von den Spaniern kolonisiert wurde, blickte er bereits auf eine jahrhundertealte Tradition des bewaffneten und unbewaffneten Nahkampfes zurück. Dies bekamen auch die europäischen Eroberer zu spüren, die in ihren schweren Rüstungen bei weitem nicht so beweglich waren wie die flinken Krieger der Einwohner. Darum verboten sie das offene Tragen von langen Schwertern und Stichwaffen. Die Philipinos umgingen das Verbot, indem sie auf Rattanstöcke oder kurze Messer umstiegen und mit ihnen kämpfen lernten. Dies gilt als die Geburtsstunde des heutigen Kali, das auch unter den Namen Arnis oder Escrima bekannt ist. Mehr als nur kämpfen Doch wer sich auf Kali einlässt, den erwartet mehr als der Kampf mit Stock, Messer und bloßen Händen. „Es ist schwer, Kali zu beschreiben. Es ist einerseits eine Kampfkunst, andererseits eine Art Lebenskunst“ sagt Uli Weidle, der Kali nun schon seit Jahrzehnten betreibt. „Es hilft dabei, erfolgreich und gesund durchs Leben zu kommen, mit sich selbst im Reinen und zufrieden zu sein.“ Diese Philosophie zeigt sich schon im Begrüßungsritual: Auf ein Knie gestützt führen die Kämpfer zuallererst die Handfläche zur Stirn, um das Streben nach Weisheit zu symbolisieren. Mit dem anschließenden Berühren des Herzens gedenkt man dem fernen Ursprung der Kunst.
Verteidigen mit Stuhl, Schirm und Fahrrad
Im Gegensatz zu Kampfsportarten wie Boxen oder Ringen geht es im Kali nicht um das sportliche Messen im reglementierten Zweikampf inklusive Runden und Schiedsrichter, sondern um effektive Selbstverteidigung in Gefahrensituationen. „Wir machen keinen Wettkampf. Wir lernen uns zu schützen und zu verteidigen. Das kann mit einem Stuhl sein, einem Schirm, einem Fahrrad – oder eben mit dem Messer.“ Doch so weit muss es gar nicht immer kommen, sagt Weidle: „Wir lernen hier zivilisiert mit Aggressionen umzugehen. Dazu gehört auch, mit dem Anderen zu reden, ob man nicht eine Einigung finden kann.“ In einigen Fällen sei es „auch mal angemessen, Fünfe gerade sein zu lassen und den Rückzug anzutreten“, so Weidle.
Flache Hand statt Faust
Doch sollte dies nicht möglich sein, bietet das Kali eine ganze Reihe an Möglichkeiten, einen unmittelbaren Angriff abzuwehren. Für westliche Verhältnisse ungewohnt ist etwa der häufi ge Einsatz der offenen Hand. Anders als beim Boxen wird diese beim Schlag nicht zur Faust geschlossen, sondern trifft mit Handfläche und -wurzel in einer schwingenden Bewegung das Ziel. Der Gedanke dahinter liegt in der großen Empfindlichkeit der Knochen in der Faust. Trifft diese mit voller Wucht gegen einen stabilen Schädelknochen, kann es dabei schnell zum Handbruch kommen. Prominentes Beispiel ist der Boxer Mike Tyson, der nach einer Straßenschlägerei aus diesem Grund für einige Zeit nicht mehr in den Ring steigen konnte. Die Teilnehmer der Kali-Kurse von Uli Weidle sind nicht nur dabei, um zu lernen, wie sie sich verteidigen können: „Sich schützen zu können, ist schön und gut. Aber die Motivation, über Jahre zu trainieren, ist einfach, dass es Spaß macht.“ (KFF)
Weitere Informatioen: Pekiti-Tirsia Europe, Siemensstraße 11 (Theaterhaus), 70469 Stuttgart. Trainingszeiten: freitags, 19 - 21 Uhr
Angriffe werden mit einer kreisenden Armbewegung abgewehrt.
Kali bedeutet Verteidigung und Spaß.
06.08.2011
(Ausgabe 06. August 2011)










