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Parcour in Stuttgart
Sprung über alle Grenzen
Sprung in die Freiheit? Auf jeden Fall zum nächsten Ziel. (Bilder: redrug.de)
Ab und an sieht man sie, Personen, die gegen Wände springen, über Zäune klettern oder sich an Regenrinnen entlang hangeln. Hat man sie einmal erblickt, reicht oft ein einziger Augenschlag aus und sie sind wieder verschwunden. Die geheimnisvollen Kletterer bewegen sich so schnell und präzise, dass ein einfacher Stadtbummler keine Chance hat, hinterher zu kommen.
Sportart oder kreative Kunst?
Doch was soll dieses Herumspringen und -klettern? Dieses „Herumspringen“ und „Herumklettern“ nennt sich Parkour. Bei dieser Sportart bewegen sich die so genannten Traceure (französisch: „der der den Weg ebnet“ oder „der eine Spur legt“) nicht wie Otto Normalverbraucher auf den Gehwegen und Straßen fort, sondern erreichen ihr Ziel mithilfe tollkühner Sprünge und Kletteraktionen über Mauern, Litfaßsäulen oder Parkbänke. Hindernisse gibt es nicht. Alles wird in den Lauf mit eingebaut. In Extremfällen werden sogar Hausdächer übersprungen oder überklettert. Beim Parkour dürfen die zu überspringenden Gegenstände allerdings nicht bewegt oder verändert werden, da es darauf ankommt, mit dem gegebenen Umfeld zu agieren. Diese mittlerweile beliebte Fortbewegungsmöglichkeit findet ihren Ursprung in Frankreich. David Belle, der Sohn eines Vietnamsoldaten, baute Ende der 1980er Jahre die Fortbewegungsarten seines Vaters während des Krieges aus und übertrug diese auf das alltägliche Leben in der Stadt. Schnell fanden sich Anhänger Belles, die Parkour allerdings nicht als Sportart, sondern eher als kreative Kunst bezeichnen.Im Einklang mit dir selbst
Parkour ist eine Lebensphilosophie, die den Traceuren helfen soll, die eigenen Grenzen zu überwinden. Allerdings steht hier die Sicherheit und nicht das Ansehen im Vordergrund. Man darf alles ausprobieren, solange man sich nicht in gefährliche Situationen begibt. Das Einschätzen solcher Situationen spielt eine große Rolle. Es ist wichtig einschätzen zu können, ob einen der nächste Sprung zum gewünschten Ziel oder doch eher in die Notaufnahme befördert. Die Mitmenschen und das Umfeld spielen eine wichtige Rolle im Parkour. Der Traceur ist stark auf seine Umgebung angewiesen und sollte diese deshalb immer intakt halten. Da Parkour nicht nur in Städten, sondern auch in ländlichen Gegenden, wie zum Beispiel Wäldern, ausgeführt wird, ist es umso wichtiger dort nichts zu beschädigen. Rücksicht geht vor. Der wichtigste Grundsatz des Parkour ist jedoch, dass es keinen Wettstreit gibt. Wettkämpfe jeglicher Art sind nicht notwendig, da die eigene Leistung und das immer wiederkehrende Erreichen und das neue Setzen von persönlichen Grenzen die Grundlage des Parkour sind. Die Tricks der großen Traceure sind nicht nur in Videoportalen im Internet weit verbreitet, sondern werden auch gerne einmal von Hollywood genutzt. So entstand im Jahr 2001 der Film „Yamakasi – Die Samurai der Moderne“, in dem auch David Belle zu sehen ist. Wesentlich bekannter ist jedoch der James Bond-Film „Casino Royale“, in welchem Verfolgungsjagden im Parkour-Stil zu sehen sind. Weitere Filme mit Parkour- Einlagen sind „Stirb langsam 4.0“ oder „Die purpurnen Flüsse 2 – Die Engel der Apokalypse“. Die meisten Szenen wurden mit Traceur- Profi s gedreht, da Parkour keine einfache Sportart ist. Ohne Training ist sie nicht ausführbar, da sie lebensgefährliche Verletzungen nach sich ziehen kann. Potenzielle Traceure sind in Stuttgart jedoch nicht auf sich allein gestellt.Deine Stadt, mein Spielplatz
Da Stuttgart von vielen Traceuren als Ausübungsort für Parkour genutzt wird, gibt es seit 2004 sogar eine Community, die sich im Jahr 2009 als Verein unter dem Namen „Parkour Stuttgart e. V.“ zusammengeschlossen hat. Aus anfänglichen Gelegenheitstreffen ist eine bewegliche Gemeinschaft entstanden. Jeden dritten Samstag im Monat treffen sich die Traceure zum gemeinsamen Training in verschiedenen Städten. Unter dem Titel „Your City My Playground“ werden verschiedene Stadtteile Stuttgarts oder auch Städte wie Tübingen, Ludwigsburg oder Esslingen auf ihre Parkour-Tauglichkeit getestet. Der nächste Termin ist der 20. August 2011 ab 11 Uhr in Marbach. Andere Trainingstermine werden unter den einzelnen Traceuren im vereinseigenen Internetforum abgesprochen. Wer gerne einmal in das Leben eines Traceurs hinein schnuppern oder sich einfach im Parkour ausprobieren möchte, hat einmal im Monat die Möglichkeit dazu. Bei kostenlosen Einführungsworkshops in Vaihingen können sich Neugierige durch vollen Körpereinsatz beweisen. Mit festem Schuhwerk, gemütlicher Sportkleidung und viel zu trinken, geht es ans Werk. Zur Aufwärmphase gehören joggen und „Yamakasi“. Das ist eine besondere Parkouraufwärmübung, die nach David Belles erster Parkourgruppe benannt ist. Nach ausgiebigen Dehnübungen wird man mit dem ersten Hindernis konfrontiert. Auch wenn die Angst mit von der Partie ist, sollte man den inneren Schweinehund einfach mal besiegen und sich überwinden, den ersten Sprung zu wagen. Klar ist jedoch, dass man sich nicht an Parkour ran trauen sollte, wenn man Angst vor starken Schmerzen hat. Als Laie kann man sich nämlich darauf gefasst machen, am Tag nach dem Einführungsworkshop mit dem stärksten Muskelkater seines Lebens aufzuwachen. Ein anderes Angebot des Parkour Stuttgart e. V. sind so genannte Themenworkshops, die ebenfalls monatlich stattfinden. Hier erhalten Interessierte jeden Alters und Geschlechts hilfreiche Erweiterungen beim Parkour-Training. Dies geschieht durch verschiedene Trainingseinheiten wir Sinneswahrnehmung (barfuß, blind oder taub), Training bei Nässe und Regen, Teamwork oder Spiele. Die letzten Termine für den Einführungsworkshop und den Themenworkshop waren am 6. August in Vaihingen. Die nächsten Termine werden rechtzeitig auf der Homepage des Vereins bekannt gegeben. (SK)Weitere Informationen: www.parkour-stuttgart.de
13.08.2011
(Ausgabe 13. August 2011)










