Stuttgart wird Parksportler
Keine Verpflichtung, keine Mitgliedsbeiträge - einfach mitmachen bei Sport im Park. (Bilder: Sportamt)

Genügend Platz für sportliche Betätigung

Stuttgart wird Parksportler

Wer das tolle Sommerwetter der vergangenen Wochen genutzt hat, um in den Stuttgarter Parks und Grünanlagen spazieren zu gehen, der mag einige seltsame Beobachtungen gemacht haben. Wie etwa sonntags im Killesbergpark: Ganze Gruppen von Menschen stehen mit gefalteten Händen im Halbkreis, die Knie mit bunten Gummibändern umwickelt. Der Schweiß tropft ihnen von der Stirn, während sie in die Hocke gehen und sich wieder aufrichten, immer wieder, stets unter den wachsamen Augen von durchtrainierten jungen Männern. Sport im Park Was sich da im Tal der Rosen in unmittelbarer Nähe zum Killesbergturm abspielt, ist, so komisch es auch aussieht, Teil einer Initiative, die Stuttgarts Lebensqualität erhöhen soll. Die Rede ist von „Sport im Park“, einem Projekt, das die Bürger der Stadt in den Sommermonaten ins Freie lockt und natürlich zum Sport animiert. Seit Mai 2011 bietet das Stuttgarter Sportamt in Kooperation mit dem Sportkreis Stuttgart, dem Unternehmen SportCodex und verschiedenen Sportvereinen ein Bewegungsprogramm für Stuttgarter jeden Alters. Und seitdem das Wetter richtig mitmacht, steigt auch die Zahl derer, die sich fit halten oder werden wollen.
 

„Super flexibel“

Eine von ihnen ist Nathalie. Die 21-Jährige aus dem Stuttgarter Westen studiert Medienwissenschaften in Tübingen, verbringt also viel Zeit unterwegs. „Neben Studium und Nebenjob finde ich leider keine Zeit, mich bei irgendeinem Verein anzumelden.“ Die Unverbindlichkeit, auf der „Sport im Park“ basiert, findet sie toll: „Hier kann ich herkommen, wenn ich Lust und Zeit dazu habe. Natürlich braucht man da auch mal etwas mehr Motivation, um den Hintern hoch zu kriegen, aber wenn man das schafft, ist diese Flexibilität super.“ So wie Nathalie denken viele Stuttgarter. Das ergab 2007 eine große Bürgerbefragung zum Sportentwicklungsplan. Viele wünschten sich damals freiwillige Angebote, keine Mitgliedschaft und trotzdem Kontakt zu anderen Sportlern.
 

Vorbild München

Bei der weiteren Planung half ein Blick zu den bayerischen Nachbarn. In München gibt es das Projekt unter dem Namen „Gymnastik im Park“ schon seit mehreren Jahren. Mit dem Englischen Garten hat die Isarmetropole auch die ideale Kulisse dafür – genau wie Stuttgart. Mit dem Oberen Schlossgarten, dem Kurpark in Bad Cannstatt und dem Killesbergpark hat Stuttgart ebenso viele Möglichkeiten zum Sporteln im Park.
 

Erschöpft, aber glücklich

Zurück zu den schwitzenden Menschen mit den bunten Gummibändern. Mittlerweile haben sie diese zur Seite gelegt und gegen bunte Hütchen getauscht, die mithilfe einer Stange zu Hindernissen werden. Seitlich laufend, die Knie möglichst hochgezogen, und so schnell wie möglich überwinden sie die Hürden. Als Liegestütze folgen, fällt es auch der sportlichen Nathalie schwer, ein Lächeln auf den Lippen zu behalten. Doch sobald der letzte Tropfen Schweiß über die Stirn gelaufen ist und die Freizeitsportler das wohlverdiente Ende der Sportstunde erreicht haben, ist sie wieder frohen Mutes: „Das sollte es das ganze Jahr über geben!“
 

Genug Platz für alle

Die Initiative „Sport im Park“, die noch bis 25. September 2011 läuft, scheint ihr Ziel erreicht zu haben. Doch auch außerhalb dieser Veranstaltung bieten die Grünflächen massig Platz für Bewegung nach dem Feierabend oder am Wochenende. So etwa der Rosensteinpark. Dieser ist nicht nur ein Paradies für Jogger, auch Moritz, 25 Jahre, und seine Kumpels finden hier genug Raum, um ihrem Lieblingssport zu frönen. Die jungen Männer Mitte 20 haben einen American Football mitgebracht, mit dem sie weite Pässe üben. Auf den riesigen Wiesen zwischen Löwentor und Schloss Rosenstein haben sie genug Platz für weite Pässe: „Im Schlossgarten könnten wir nicht so weit werfen wie hier. Da stolpert man alle paar Meter über Picknicker!“ sagt Moritz, der Football im Verein spielt.
 

Probleme einer Trendsportart

Großen Platzbedarf hat Frank für seine Sportart eigentlich nicht, dennoch hatte er bis vor kurzem noch Probleme, einen geeigneten Ort für seine Leidenschaft zu finden: Er ist Anhänger des Slacklining. Im Fernsehen sah er einen Bericht über den neuen Trendsport, der nach Deutschland schwappt. Man spannt ein Band zwischen zwei Befestigungen und versucht, sich möglichst grazil darauf zu bewegen. Der beste Ort dafür: Im Park zwischen zwei Bäumen. Also besorgte er sich ein Band und probierte es in Stuttgart aus. Anfangs war alles super, und er fand Gefallen an der Mischung aus Körperbeherrschung und dem Umherziehen, um neue Orte dafür zu finden. Bis zu dem Tag, als er von der Polizei darauf hingewiesen wurde, dass sein Sport eine Ordnungswidrigkeit darstelle, es gehe um den Schutz der Bäume. Er solle damit aufhören, ansonsten drohe ihm ein Bußgeld von bis zu 80 Euro. „Bei den dicken Bäumen, die ich benutze, passiert doch nichts!“ beteuerte er. „Überall heißt es, man soll Sport treiben. Soll ich jetzt etwa wieder in meinem Zimmer hocken und den ganzen Tag vor dem Computer sitzen?“
 

Hoffnung für Großstadt-Akrobaten

Für Frank und andere Fans des Trendsports brechen nun bessere Zeiten an: Die Stadt Stuttgart reagiert auf die zunehmende Beliebtheit des Sports. Im Rahmen eines Pilotprojektes werden nun Bäume an verschiedenen Stellen mit einem speziellen Stammschutz versehen, um sie vor den enormen Kräften zu schützen, die beim Slacklining wirken können. Über die Standorte hat man sich Gedanken gemacht: So findet man die präparierten Bäume nicht nur im Schlossgarten, sondern auch dort, wo sich traditionell besonders viele Großstadtakrobaten aufhalten, nämlich an den beiden Standorten der Universität Stuttgart im Stadtgarten und in Vaihingen. Und sogar beim Bau von künftigen Spielplätzen will man an die Szene denken und künftig extra Vorrichtungen zum Anbringen der Bänder aufstellen. Die Stuttgarter Slackliner können also aufatmen. Es ist auch an der Zeit, immerhin gilt die Landeshauptstadt als Metropole dieses Sports. Sogar der größte deutsche Produzent von Slackline-Zubehör hat hier seinen Sitz – Gibbon. (KFF)
 
Weitere Informationen: Auf www.stuttgart.de/sportimpark stehen die Zeiten und Orte für „Sport im Park“ sowie umfangreiche Broschüren über andere Sportmöglichkeiten in der Stadt. Ein interaktiver Sportwegweiser hilft bei der Suche nach einer geeigneten Sportart.

Stuttgart wird Parksportler
Zwischen Bäumen und Blumen turnt es sich am besten.
Stuttgart wird Parksportler
Fußball ist eine Lieblingssportart der Parksportler.
22.07.2011
(Ausgabe 23. Juli 2011)
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