Wassersport in der Region

Surfin‘ Stuttgart

Surfin‘ Stuttgart
Seit Mitte Dezember 2011 surft Severin Hoppmann im Neoprenanzug auf der Fils.

Was tun, wenn die nächste Surfgelegenheit hunderte Kilometer weit weg ist? Ganz einfach: eine eigene Möglichkeit schaffen! Seit Mitte Dezember tüfteln zwei Stuttgarter aus, wie sie auf Flüssen in der Region surfen können. Statt zum Atlantik geht’s für Severin Hoppmann und seine Freunde nun an die Fils. „Wir haben etwas in der Nähe gesucht, wo man surfen und Spaß haben kann“, erzählt der Umweltschutztechniker, der gerade sein Studium an der Universität Stuttgart beendet hat.

Alternativen

Da es in der Region eine stehende Welle wie am Münchner Eisbach nur ganz selten bei Hochwasser gäbe, habe er nach Alternativen gesucht – und gefunden. Die erste Idee: Ein Seil in der Mitte einer Brücke befestigen und sich daran festhalten. Das funktioniert zwar und wird auch von anderen Flusssurfern so gemacht, aber Severin Hoppmann hat schnell gemerkt, dass er dadurch in der Bewegung stark eingeschränkt ist: „Der Impuls kommt eher von dem Seil als von der Strömung, dadurch hat sich kein wirkliches Surfgefühl ergeben.“

Ein Fluss hat großes Potential

Severin Hoppmann hat dabei aber auch festgestellt, dass ein Fluss großes Potential hat und experimentierte deshalb weiter. Seine zweite Idee: ein Seil quer über die Fils spannen und an einer frei laufenden Seilrolle ein Trapez anbringen. „Eigentlich eine ganz einfache Idee. Deshalb hat es mich auch gewundert, dass die noch niemand hatte“, erzählt der großgewachsene Mann mit den langen, lockigen braunen Haaren. Bisher wisse er von niemandem, der so auf Flüssen surft, auch im Internet habe er nichts darüber gefunden.

Die Konstruktion

Und so funktioniert‘s: Das Seil ist an zwei Fixpunkten am Ufer befestigt, wie beispielsweise an Bäumen oder Brückenpfeilern. Der Surfer hält sich wie beim Wakeboarden an einem Trapez fest, das über ein Gummiband und die freilaufende Seilrolle mit dem gespannten Seil verbunden ist. So kann der Surfer die volle Breite des Flusses ausnutzen. Durch die Seil- und Gummidehnung sind dynamische Bewegungen wie Kurven, Sprünge oder Drehungen möglich. Mal schneller, mal langsamer, je nach Strömungsgeschwindigkeit und Kraft in den Armen.

Brett und Seil werden noch optimiert

Aber damit ist Severin Hoppmann mit seinen Ideen und Basteleien noch nicht am Ende: Als nächstes will er das Surfbrett optimieren. Denn ein großer Unterschied zum Wellenreiten auf hoher See ist, dass beim Flusssurfen die Sportler vor- und zurückfahren können. Für das Rückwärtsfahren ist ein normales Surfbrett allerdings nicht ausgerichtet. Darüber hinaus ist Severin Hoppmann auf der Suche nach einem optimalen Seil – eine Art Bungee- Seil – das er über das Wasser spannen kann.

Eine bezahlbare Sportart

Mit der höheren Dehnbarkeit soll so ein noch dynamischeres Surfen möglich werden. „Durch das flexible Seil kann ich mehr Spannung aufbauen, die mir einen stärkeren Fahrimpuls gibt. Dadurch ist es auch möglich, Kurven wie bei einer echten Welle zu fahren. Aber auch Tricks, wie eine 180-Grad-Drehung und kleine Sprünge sind möglich“, erzählt er. Ein Original- Bungee-Seil sei ihm aber zu teuer. Denn seine Vision ist, dass er mit dem Flusssurfen eine Sportart etabliert, die bezahlbar ist. Außer der Ausrüstung sollen – anders als beim Skifahren oder Snowboarden – keine weiteren Kosten anfallen, sondern die Surfer sollen umsonst Spaß haben können.

Perfekte Training für das Wellenreiten

Er will eine Sportart für jeden anbieten, der gerne draußen in der Natur ist und das Wasser liebt. „Es ist ein anstrengender aber einfacher Sport. Nach zehn Minuten kommt man von der Welle mit einem Grinsen im Gesicht runter“, schwärmt der 31-Jährige. Er liebt es, die Kraft der Natur zu spüren, „diesen Kampf, nicht gleich weggespült zu werden.“ Weil man sich festhalten kann und schnell ein echtes, längeres Fahrgefühl erlebt, sei Flusssurfen viel einfacher als normales Surfen. Die größte Herausforderung dabei sei, dass alles in einer flüssigen Bewegung ablaufe. „Die Zeit auf dem Fluss ist auch das perfekte Training für das Wellenreiten“, meint Hoppmann. So könne das Stehen auf dem Brett geübt sowie das Fahrgefühl getestet und perfektioniert werden.

Über den Tüftler

Parallel zum Umweltschutztechnik-Studium arbeitete Severin Hoppmann als Erlebnispädagoge. Mit Crossgolf und Geocaching hat er so manches Stuttgarter Eck erkundet. Sport treibt er am liebsten an der frischen Luft: Snowboard, Surfen, Klettern, Beachvolleyball – und jetzt auch Flusssurfen. Das Wochenende nutzt er, um neue Materialen zu testen und um neue Techniken auszuprobieren. Das will er perfektionieren und auch anderen den Spaß in der Region ermöglichen. Die letzten drei Jahre war Severin Hoppmann mit seinem Surfbrett auf dem Atlantischen Ozean unterwegs.

Das Land der Surfer

„Es wäre ein Traum, wenn wir sehen, dass andere Menschen genauso viel Spaß haben wie wir, vielleicht sogar mit unseren Materialen.“ Im Frühling will er auf einer Internetseite sein Projekt vorstellen und bis dahin noch viel experimentieren und verfeinern: „Nicht nur das Surfen macht Spaß, sondern auch die Ideen zu haben und die technischen Aspekte weiterzuentwickeln.“ Der Stolz ist dem Tüftler ins Gesicht geschrieben. Auf diese Weise gilt Baden-Württemberg bald sicherlich nicht nur als das Land der Erfinder, sondern auch als das Land der Surfer. (EE)

21.01.2012
(Ausgabe 21. Januar 2012)
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