Ein Fest für alle Theatersinne
Die Produktion "Erster Schnee" kommt fast ohne Sprache aus. (Bilder: Nina Urban)

Jugendtheaterfestival

Ein Fest für alle Theatersinne

In ihrem Elternhaus hat Schneewittchen Spuren zurückgelassen. Puzzleteile, die vom Leben des jungen Mädchens erzählen, stückchenweise, und einen Eindruck davon geben, wie ihre Kindheit mit der bösartigen Stiefmutter ausgesehen hat. Langsam fügen sich die Teile zusammen, bis der Wanderer durch die Gemächer vor der Hauptperson höchstpersönlich steht: Und da erzählt die schöne Prinzessin ihre eigene Version des Märchens.
 

Schöne Aussichten

Die Installation „Sneeuwwitje en de 77 vergiften“ (Schneewittchen und die 77 Gifte) ist eine von 24 Theaterproduktionen, die auf dem 7. Kinder- und Jugendtheaterfestival „Schöne Aussichten“ vom 15. bis 23. Mai in Stuttgart zu sehen sind. Seit 2004 organisiert das Junge Ensemble Stuttgart (JES) jedes Jahr dieses Event.
 

Multinationales Festival

Wie in jedem zweiten Jahr findet gleichzeitig das Baden-Württembergische Kinder- und Jugendtheatertreffen statt. Zehn internationale Ensembles aus acht Ländern sind diesmal mit dabei, dazu neun aus Baden-Württemberg. Die Intendantin des JES, Brigitte Dethier, und ihr Kollege Christian Schönfelder sind viel umhergereist und haben sich zahlreiche Ensembles mit ihren Produktionen angeschaut, um die interessantesten in die Landeshauptstadt einzuladen.
 

Berlin, 1961

Herausgekommen ist eine Mischung aus tiefgründig-ernsten und spaßigunterhaltsamen Aufführungen, zum Sehen oder zum Mitmachen, von  Kindertheater ab 2 Jahren bis zu Stücken für die Großen ab 15. Zur Eröffnung am Samstag, den 15. Mai bieten das JES und der „New International Encounter“ (NIE) mit ihrer Koproduktion „Berlin, 1961“ einen besonderen Höhepunkt. Das Projekt aus der letzten Spielzeit des Jungen Ensembles beschäftigt sich mit dem Mauerbau und zeigt die Dramatik am Schicksal ganz gewöhnlicher Menschen.
 

Auch für die ganz Kleinen

Theater für die Allerkleinsten bietet die italienische Gruppe „Teatro Testoni Ragazzi“ mit der Geschichte vom Baum, der keine Blätter mehr hat und sich daher mit anderen Utensilien behelfen muss („L’albero rubamutande“, Der Unterhosen klauende Baum). Für etwas ältere Kinder, aber nichts für schwache Nerven, ist das Stück „Spinder“: Hier bringt die niederländische Gruppe „Het Lab“ lebende Insekten auf die Bühne!
 

Werde zu Hänsel und Gretel

Die unterschiedlichen Themen und Darstellungsformen machen das Festival zu einer bunten Mischung aus Theater, Tanz und Interaktion. Die belgisch-französische Produktion „Eerste Sneeuw“ (Erster Schnee) kommt fast ohne Sprache aus und zeigt den Zuschauern, wie es ist, zum ersten Mal zu schmecken oder zu fühlen. Für das Stück „.h.g.“ ist „Zuschauer“ fast schon der falsche Begriff: Wer hier dazustößt, wird – je nachdem, ob Junge oder Mädchen – zu Hänsel oder Gretel und durchwandert den Märchenwald.
 

Nachdenkliches für Ältere

Mit dem „Teatro Laboratorija Atviras Ratas“ nimmt dieses Jahr erstmals eine Theatergruppe aus Litauen am Festival teil. Im Stück „Atviras ratas – open circle“ erzählen die Schauspieler Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend. „Eine sehr spannende Form des Theaters“, findet Iris Kannen vom JES. Das Stück lebt von der Improvisation der Künstler, die sich vor der Vorstellung lediglich auf ein grobes Thema einigen, um dann frei zu erzählen und zu spielen.
 

In Memoriam

Mit einer unglaublich traurigen Begebenheit setzt sich „In Memoriam“ auseinander: Drei Familienmitglieder erzählen in Monologen von ihrer Erfahrung mit Krankheit und Tod ihres Sohnes Arno. Das JES führt das Stück drei Mal auf dem Pragfriedhof auf (ab 12 Jahren).
 

Diskussionen erwünscht

Rund um die Vorführungen bietet das Festival Diskussionsrunden und Publikumsgespräche zum Theater. Auf dem Symposium „Austauschbar?“ am 15. und 16. Mai werden Fragen rund um Chancen und Risiken der internationalen Zusammenarbeit im Kinder- und Jugendtheater diskutiert. Die Ergebnisse werden in zwei öffentlichen Diskussionen am 19. und 20. Mai vertieft. Angst vor fremden Sprachen brauchen die Besucher im Übrigen nicht zu haben: Die Theaterstücke sind – sofern nötig – entweder ins Deutsche übersetzt oder mit Übertiteln versehen. (VK)

Ein Fest für alle Theatersinne
Der Baum, der keine Blätter hat, behilft sich anderweitig.
Ein Fest für alle Theatersinne
Die Kinder von heute, sind die Zuschauer von morgen. Deshalb geben die Schauspieler alles auf der Bühne.
30.04.2010
(Ausgabe Mai 2010)
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