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Theatermaler des Stuttgarter Staatstheaters
Weltenmaler
Die Flosse des Riesenfischs liegt noch auf dem Malsaalboden. Neben ihr streichen die Theatermaler Platten grau an. Das Alltagsgeschäft ist wieder in den großen Malsaal des Staatstheaters Stuttgart eingezogen. Der zur Flosse gehörende Fisch ist schon auf der Bühne der Staatsoper aufgestellt. In seinem Bauch proben Pinocchio und Gepetto für die Premiere von Jonathan Doves Familienoper „Pinocchios Abenteuer“ am 27. Januar 2010 an der Staatsoper.
Ein Glücksfall für die Malwerkstatt
Die Inszenierung dieser Oper ist ein Glücksfall für die Malwerkstatt. Der Bühnenbildner Robert Schweer hat mit seinen Pop-up-Bildern und Illustrationen, die an Druckgraphiken des 19. Jahrhunderts erinnern, der Malwerkstatt eine interessante Aufgabe gestellt: Eine Welt zwischen Struwwelpeter und „Monty Python’s Flying Circus“ soll entstehen.
Aus Pappe wird Metall
In den letzten Jahren ging der Trend zu farblich und künstlerisch eher zurückhaltenden Bühnenbildern. Die Herausforderung für die Malwerkstatt besteht in großen Teilen darin, die Materialien zu imitieren, Pappund Holzwände so zu bemalen, dass sie aussehen wie Beton oder Metall. Viele Möbel und Gegenstände auf der Bühne sind echt. Ganz anders bei „Pinocchios Abenteuer“. Alles ist hier bunte Kulisse, farbige Leinwand und bemalter Karton: der große Fisch, die Kutsche, die Meereswogen – auch der große Theatervorhang.Tausend Pünktchen einzeln malen?
Den schweren roten Samtstoff zu imitieren, war für die Theatermaler kein Problem. Doch den Zeichnungscharakter der Vorlage auf das Bühnenbild zu übertragen, stellte sich als schwierig heraus, denn der Theatervorhang ist mehrere Meter hoch und lang. Die kleinen schwarzen Punkte als Schattierung sind in einer Zeichnung schnell und unkompliziert skizziert – nicht jedoch auf einer riesigen Kulisse. „Klar kann man mit einem Pinsel tausend Pünktchen malen, aber das ist sehr aufwendig“, erklärt Maik Sinz, Leiter Malsaals, „wir haben lange probiert, wie wir das am schnellsten, billigsten und rückenschonendsten hinkriegen.“ In diesem Fall bestand die Lösung darin, Korkgranulat auf die Leinwand zu verteilen, mit Farbe darüber zu sprühen und anschließend das Korkgranulat wieder herunter zu kehren.Der Beruf des Bühnenmalers
Bühnenmaler ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Hier in Stuttgart haben Maik Sinz und Lisa Fuss, stellvertretende Leiterin des Malsaals, ihre Ausbildung gemacht und bilden nun selbst wieder Lehrlinge aus. Im großen Malsaal hängen die Lehrlingsarbeiten von der Galerie. Sie zeigen, worin das Können des Berufs liegt: unterschiedliche Materialien zu imitieren, Maltechniken und Werkstoffe geschickt einzusetzen und Illusionen zu erzeugen.
Bilder so groß wie Sportplätze
Und das alles in riesigem Maßstab. Über 60 Meter lang ist ein Rundumprospekt in der Oper. Im Malsaal können Bilder entstehen, die beinahe so groß wie Sportplätze sind. Alles wirkt hier überdimensioniert: Die Farben werden nicht auf Paletten angerührt, sondern in großen Eimern. Die Pinsel, die Malstöcke und die Lineale haben Verlängerungen. Die riesigen Leinwände werden einfach in den Holzboden getackert. Wie ein meditativer Spaziergang sieht es aus, wenn die Theatermaler malen: In der einen Hand die Vorlage, in der anderen Hand ihren riesigen Pinsel wandern sie konzentriert auf den Bildern herum.
Handwerk statt Kunst
Maik Sinz und Lisa Fuss sehen sich nicht als Künstler, sondern als Handwerker, die die Arbeit der Bühnenbildner umsetzen. „Die Bühnenbildner kommen mit einem Foto, einer Zeichnung oder Farbkarten und erklären uns, wie sie sich etwas vorstellen. Unsere Aufgabe ist es, den Bühnenbildnern zu dienen. Das Wirklichkeit werden zu lassen, was ihnen vorschwebt.“ Dafür brauchen die Theatermaler Einfühlungsvermögen und Kreativität. Wenn ein Bühnenbildner etwa anmerkt, die Kulisse „erzähle noch nicht“ – dann müssen Lisa Fuss und Maik Sinz handfeste Mittel finden, die vermisste Atmosphäre in die Bilder zu bringen.Spiel mit unterschiedlichen Effekten
Welcher Farbton, welche Technik, welches Material erzeugen den gewünschten Effekt? Denn um Effekt und um Schein dreht es sich hier in der Malwerkstatt. „Wir tun immer so als ob“, beschreibt Lisa Fuss ihre Arbeit, „Kirchenmaler wollen auch Effekte erzielen. Sie verwenden dafür aber feines Blattgold. Wir vergolden auch – aber mit Dispersionsfarben und investieren die größte Mühe darin, etwas golden aussehen zu lassen.“ Die Werke der Theatermaler sind vergänglich. Wenn Pinocchio irgendwann nicht mehr auf dem Spielplan steht, werden die Meereswogen, der Fisch und der Theatervorhang weggeworfen. Auf dem Boden des großen Malsaals werden längst wieder andere Theaterträume liegen. (AS)
06.02.2010
(Ausgabe Februar 2010)











