Kunst in Stuttgart

Achtung: Kunst!

Achtung: Kunst!
Da muss man schon genauer hinsehen: Der Abendstern von Micha Ullmann in einer Gehwegplatte.

Die Figur „Crinkly avec disque rouge“ von Alexander Calder kennen wohl alle Stuttgarter. Sie steht unübersehbar auf der Königstraße, direkt gegenüber des Kunstmuseums. Die Form der rund acht mal acht Meter großen Stahlskulptur mag manche Betrachter an Origami, andere an ein zerknittertes, dreibeiniges Gerüst eines Tipi erinnern.

Die Konstruktion

Auf der Spitze des Objekts findet sich eine Art Propeller. Am einen Ende des „Rotors“ ist eine große, flache und rote Scheibe befestigt. Die gegenüberliegende Seite des „Propellers“ endet in drei Zweigen, die jeweils mit einer roten Raute abschließen. In Richtung Planie erstrahlen die zusammengesetzten und miteinander verschraubten Stahlelemente abwechselnd in den Primärfarben Rot und Gelb.

Material und Wirkung

Die zum Kunstmuseum gerichtete Seite ist in Schwarz und Weiß gehalten. Bei näherer Betrachtung fällt schnell das ambivalente und spielerische Verhältnis von Material und Wirkung ins Auge. Das Material Stahl demonstriert Stärke, Wucht und Macht. „Crinkly avec disque rouge“, zu Deutsch „Zerknittert mit einer roten Scheibe“, wirkt hingegen leicht, fragil und sogar beinahe vom Einsturz gefährdet.

Alexander Calder

Das 1973 entstandene Objekt verbindet zwei bedeutende Schaffensphasen des Künstlers. Calder, der 1898 in Lawton im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren wurde und 1976 in New York verstarb, machte sich in den 1930er Jahren mit seinen Mobiles einen Namen. Diese Objekte setzten sich anfangs durch Motorantrieb und später durch natürliche Luftströmungen in Bewegung.

Dynamik und Stabile

Zeitgleich entstanden auch Gegenstücke zu diesen dynamischen Kunstobjekten, die Stabile. Bei diesen Skulpturen stand im Gegensatz zu den Mobiles die Bewegungslosigkeit, Massivität und Größe im Vordergrund. „Crinkly avec disque rouge“ ist eine Kombination aus beiden Typen, bei der die scheinbare Unvereinbarkeit aus Bewegung und Statik zu einer Einheit wird.

Ein Stück Poesie

Vom Surrealismus und Konstruktivismus beeinflusst, erschuf der Amerikaner ein Kunstwerk, das seine Stärke und gleichzeitige Fragilität erst im Kontrast zu den Bürogebäuden- und Komplexen einer Großstadt wie Stuttgart entfalten kann. Wenn alles klappt, ist ein Mobile ein Stück Poesie, das vor Lebensfreude tanzt und überrascht, sagte Calder einmal.

Als Treffpunkt sehr beliebt

Nachdem die Plastik von der Stadt im Jahr 1979 gekauft und 1981 aufgestellt wurde, hielt sich die Begeisterung der Stuttgarter zunächst in Grenzen. Viel konnten die Passanten mit diesem „bunten Farbklecks“ nicht anfangen. Von Kitsch war die Rede und vor allem die stattliche Erwerbssumme von rund einer Million Mark erhitzte die sparsamen Schwabengemüter. Doch mit der Zeit gewöhnte man sich an die Skulptur. Sehr beliebt ist sie als Treffpunkt. Als die Königstraße zur Fußgängerzone umgestaltet wurde, und vor allem als ab 2002 das Kunstmuseum entstand, fiel „Crinkly avec disque rouge“ nochmals in ein neues Licht. Plötzlich viel zentraler, halbierte das Objekt nun die Königstraße in zwei Teile und wurde nun auch zu einem Wahrzeichen des Kunstmuseums, das den Besucher mit offen Armen zur Entdeckung moderner Kunst einlädt.

Der Abendstern von Micha Ullmann

Zugegeben: Bei diesem Kunstwerk muss man mindestens zweimal hinsehen. Bei dem Abendstern des israelischen Bildhauers Micha Ullmann handelt sich um ein kleines, halbkugelförmiges Loch in einer Asphaltplatte, das sich an der Ecke Stauffenberg- und Bolzstraße gegenüber dem Schlossplatz befindet.

Gescheiterte Widerstandskämpfer

Nichts lässt in der Umgebung der Vertiefung auf den Künstler oder das Kunstwerk schließen. Es kann allerdings eine deutliche Verknüpfung zu den Namensgebern der angrenzenden Straßen hergestellt werden. Sowohl die Stauffenbergstraße, deren Straßenschild an „Claus Graf Schenk/ von Stauffenberg/*1907+1944 Oberst/ Opfer des 20. Juli 1944“ erinnert, als auch die Bolzstraße, benannt nach dem württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz, sind gescheiterten Widerstandskämpfern gegen Hitler gewidmet.

Ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus

Eine weitere Verbindung kann in diesem Kontext auch zu Micha Ullmans Eltern hergestellt werden: Beide waren deutsche Juden und mussten vor den Nationalsozialisten fliehen. So wird der Begriff Abendstern im nationalsozialistischen Fokus jüdisch aufgeladen und erhält eine ganz andere Bedeutung. Das Kunstobjekt, das sich durch zaghafte zwei Zentimeter Tiefe und vier Zentimeter Durchmesser auszeichnet, verwandelt sich damit zu einem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Es wird so zu einer Huldigung jener, die Widerstand leisteten. Auch sie erschienen, dem Objekt gleich, gegen das Große klein. Das Kleine lehnt sich zwar im Stillen, aber unbeirrt gegen das Große auf.

Sonnenuhr und Himmelspiegel

Neben dem Titel Abendstern, also dem hellsten Gestirn nach Sonnenuntergang, lässt zudem die Form eines Planeten, aber auch die Funktion eine Anspielung auf die Gezeiten vermuten: Die akkurat ausgehöhlte Vertiefung fungiert bei strahlendem Sonnenschein als Sonnenuhr, bei Regen - mit Wasser gefüllt - als Himmelspiegel.

Objektgruppe Minimente

Einordnen lässt sich Ullmans Werk in seine Objektgruppe Minimente, die durch kleine, aber feine skulpturale Eingriffe poetische Zeichen setzt. So ist beispielsweise in einer Betonbank in Melbourne ein Becher in den Boden gebohrt, in Bad Oeyenhausen ein Löffel in den Gehweg graviert. Ob sich der Betrachter auf das Kunstwerk einlässt und den freien Interpretationsraum dankbar annimmt, diesen speziellen Kunstanspruch ablehnt oder es mit Ironie begreift, bleibt ihm selbst überlassen.

Illegale Straßenbauarbeit

Micha Ullman, der sich neben Skulpturen auch in Installationen, Aktionen und Zeichnungen künstlerisch ausdrückt, leistete mit seiner Huldigung darüber hinaus seinen ganz eigenen kleinen Widerstand gegen die deutsche Staatsgewalt: Sein Abendstern entstand durch eine mehr oder minder illegale Straßenbauarbeit. (VAN)

Weiterführende Literatur:
Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart. Hrsg. von Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

18.02.2012
(Ausgabe 18. Februar 2012)
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